Seit geraumer Zeit lässt sich in Europa eine ebenso interessante wie ambivalente Sprachinnovation beobachten: die zunehmende Verwendung des Begriffs Ökosystem für Sachverhalte außerhalb der belebten Natur. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach im Frühjahr vom »nuklearen Ökosystem« Europas. Die Regierungschefs von zehn überwiegend ost- und südeuropäischen EU-Mitgliedsstaaten warnten, der Klimaschutz gefährde das »fragile industrielle Ökosystem«. Bundeskanzler Friedrich Merz warb im November 2025 für den Aufbau eines »widerstandsfähigen und zukunftsorientierten digitalen Ökosystems«. Und in München schwärmte Markus Söder vom »Rüstungsökosystem«.
Nichts davon hat mit Ökologie zu tun. Sollte man dennoch froh darüber sein, dass sich hier ein ökologisches Motiv zumindest sprachlich ausbreitet? Sollten Forschende und Lehrende es für ihre Felder übernehmen? Oder lieber nicht, weil dadurch ein eigentlich klar definiertes naturwissenschaftliches Konzept inhaltlich entkernt würde? Droht hier gar eine Art »Neusprech«, also Sprachmanipulation zum Zwecke der Interessenverschleierung und Machtausübung?
Es existiert eine Parallele, die Orientierung bietet. Der aus der Forstwirtschaft stammende Nachhaltigkeitsbegriff aus dem frühen 18. Jahrhundert beschrieb zunächst das Prinzip, nicht mehr Bäume zu fällen, als man nachpflanzte. Längst steht er für das Prinzip der Zukunftsverantwortung weit über die Ökologie hinaus. Die Rede ist heute von nachhaltiger Energietechnik, nachhaltigem Wirtschaften, nachhaltiger Finanzpolitik oder nachhaltigen Alterssicherungssystemen. Trotz gelegentlichen Missbrauchs ist das ein Fortschritt, weil hier die Idee der Generationengerechtigkeit in viele gesellschaftliche Sphären übertragen wird.
Wie ist es analog mit dem Begriff Ökosystem? In der Wissenschaftsdisziplin Ökologie geht es um die Beziehung von Lebewesen zu ihrer organischen und anorganischen Umwelt. Ökosysteme sind Lebensgemeinschaften mehrerer Arten (Biozönose) und ihrer Umwelt (Biotop). Mit dem Beginn der tiefen Umweltkrise seit den 1960er-Jahren wird das Konzept der Ökologie aber nicht mehr nur als reine Wissenschaftsdisziplin gesehen. Es bezeichnet auch die normative Haltung, die unsere natürlichen Lebensgrundlagen bewahren will. Naturschutz, Bodenschutz, Gewässerschutz, Klimaschutz, Meeresschutz, Schutz der Wälder, regeneratives Wirtschaften, die Einhaltung von Naturgrenzen und menschliche wie planetare Gesundheit stehen heute gleichermaßen für ökosystembasiertes Denken.
Wohlwollend ließe sich also sagen, dass mit dem gegenwärtigen Boom der Ökosystemrhetorik in Politik und Wirtschaft ökologisches Denken einsickert – oder zumindest die Natur mit ihren Leistungen als zentraler Wohlfahrtsfaktor anerkannt wird, weil man gelernt hat, in komplexen, zeitlich und räumlich weit gespannten Wirkungsketten und ihren gefährlichen Folgen zu denken. Was hier und heute emittiert wird, verbleibt nicht hier und verpufft nicht bis morgen.
Allerdings lässt sich momentan das genaue Gegenteil dieser Einsicht beobachten. Egal ob EU-Kommission, Bundesregierung, viele Landesregierungen oder die großen Wirtschaftsverbände: Sie alle arbeiten gerade massiv daran, bereits gefasste ökologische Ziele zu schwächen. Wir erleben also eine Umdefinition, die einer vorsätzlichen Irreführung gleichkommt. Der Begriff Ökosystem wird nun primär ökonomisch-technisch verstanden und somit seiner eigentlichen Bedeutung beraubt. Das ist aus Gründen der intellektuellen Redlichkeit nicht hinnehmbar.
Besonders Wissenschaftlerinnen und Forscher sollten sich dessen bewusst sein, wenn sie selbst den Begriff benutzen. Und sie sollte – positiv formuliert – bei anderen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technologieentwicklung offensiv einfordern: Sie verwenden diese Worte? Dann lassen Sie ihnen auch Taten folgen.
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