Andrij Ljubka, 38, ist ein ukrainischer Schriftsteller und Übersetzer. Seit dem russischen Überfall 2022 sammelte er Geld- und Sachspenden für die ukrainische Armee. Im Februar 2026 trat er freiwillig in die Armee ein.
Vor einem Monat habe ich meine Arbeit als Schriftsteller pausiert und bin freiwillig in die ukrainische Armee eingetreten. Als ich zum Dienst aufbrach, verabschiedeten sich einige meiner Bekannten von mir, als wäre ich bereits tot.
Mein Gedankengang war ein völlig anderer: Wenn du überleben, deine Familie, dein Zuhause und dein Land verteidigen willst, dann musst du bestens ausgebildet und darauf vorbereitet sein, dich selbst zu schützen. Und auf unserem Kontinent gibt es keine bessere Schule dafür als die Streitkräfte der Ukraine.
Als ich die Militäruniform anzog, fühlte es sich an, als würde ich eine Schutzhülle anlegen und meine Überlebenschancen im Vergleich zu den Zivilisten ringsum deutlich erhöhen. Dieses Gefühl erfüllte mich mit Zuversicht und Optimismus.
Sie tippen sich vielleicht ungläubig an die Schläfe, wenn Sie das lesen. Aber ich bin nicht der Einzige, der so denkt. Hätte Gott Humor, er würde sich darüber kaputtlachen, dass unter allen europäischen Völkern unserer Zeit ausgerechnet die Ukrainer die größten Optimisten sind. Laut einer europaweiten Umfrage des European Council on Foreign Relations Ende des vergangenen Jahres blicken 41 Prozent der Ukrainer mit Zuversicht auf die Zukunft der Welt, während es bei den Italienern nur sieben, bei den Franzosen acht und bei den Dänen zwölf Prozent sind.
Man könnte annehmen, die Ukrainer seien naiv oder dumm, das wäre logisch. Denn in der modernen Welt gibt es nicht gerade viel Anlass für Optimismus. Die wahre Erklärung ist viel dramatischer: Im vierten Jahr des vollumfänglichen Krieges sind die Menschen so erschöpft, dass sie glauben müssen, es könne einfach nicht noch schlimmer werden. Und wenn es nicht schlimmer werden kann, dann müssen bessere Zeiten kommen. Letztlich sind Optimismus, Glaube und Hoffnung wohl die letzten Quellen von Widerstandskraft, auf die keine dunkle Macht Zölle erheben kann.
Patriotismus-Kurse für mürrische Europäer
Unter uns gibt es mathematische Optimisten, die glauben, dass es besser wird, weil eine lange Pechsträhne irgendwann einmal zu einer Glückssträhne führen muss. Es gibt analytische Optimisten, die ihre Hoffnung mit unumstößlichen Argumenten untermauern – etwa dass Russland wirtschaftlich schwächelt und verfällt, während unsere Partner endlich aufwachen und in die Verteidigung investieren. Und es gibt fatalistische Optimisten, die auf einen black swan warten – ein Ereignis von globaler Bedeutung, etwa den plötzlichen Tod des Diktators oder ein anderes unglaubliches Wunder wie die Wiederauferstehung der Vereinten Nationen.
Ich erinnere mich, wie ich vor einigen Jahren einen Monat in Slowenien verbracht habe – einem Paradies an der Adria. Alle, die ich traf, beschwerten sich entsetzlich über ihr Land. Erst später erfuhr ich, dass die Slowenen auf dem Balkan als die Depressivsten und ewig Unzufriedenen gelten.
Damals kam mir ein Witz in den Sinn, der mit den Jahren immer weniger witzig wirkt. Ich schlug vor, in der Ukraine monatliche Patriotismus-Kurse für Menschen aus anderen Ländern einzurichten: Kommt zu uns, lebt eine Weile unter unseren Bedingungen – und schon wird euch eure Heimat nicht mehr so schlimm vorkommen. Nach Slowenien kehrt ihr garantiert als Patrioten eures Landes zurück!
Was einst wie ein Witz klang, wird heute durch Ergebnisse soziologischer Studien bestätigt: Wenn Europäer mehr Glauben an sich selbst und an morgen brauchen, dann sollten sie auf die Ukraine schauen. Unser Land ist heute nicht nur eine offene Wunde, sondern auch eine Quelle von Kraft – ein Beispiel dafür, dass man in der modernen, zynischen und turbulenten Welt seine eigenen Prinzipien nicht aufgeben muss, um zu überleben.
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