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Reinhard Haller: “Schweigen ist ein Machtinstrument ersten Ranges”

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ZEITmagazin: Herr
Haller, in dieser lauten und geschwätzigen Zeit haben Sie ein Buch über
die Gefahren des Schweigens geschrieben, warum?

Reinhard Haller: Ja, über
“toxisches Schweigen”. Eigentlich mag ich den Begriff
toxisch nicht, weil er so inflationär gebraucht wird, aber für
diese Formen des Schweigens gibt es tatsächlich keinen besseren
Ausdruck, weil es wie ein unbemerktes Gift wirkt, das
sich erst allmählich entwickelt, aber unter Umständen sogar eine
tödliche Wirkung haben kann.

ZEITmagazin: Dass exzessives Schweigen momentan ein Problem ist, kommt mir nicht
so naheliegend vor …

Haller: Das ist
vollkommen richtig, vielleicht wurde noch in keinem Zeitalter so viel
kommuniziert, gequatscht und übereinander geredet wie
heute. Und ja, es
stimmt auch, mit Schweigen wird überwiegend Positives
verbunden: Wir sprechen vom
andächtigen Schweigen, vom taktvollen, kreativen,
ehrfürchtigen und mitfühlenden Schweigen. Von der Kraft der
Stille. Und alles gipfelt in dem Sprichwort – Reden ist Silber,
Schweigen ist Gold. Oder, das kennen Sie sicher auch: Wenn du
geschwiegen hättest, hätte man dich weiter für einen klugen Kopf
gehalten. All diese Aspekte will ich auch nicht infrage
stellen.

ZEITmagazin: Aber?

Haller: Aber es gibt
auch andere Formen des Schweigens, die tatsächlich sehr
verschwiegen werden. Diese habe ich als
aggressiv, destruktiv und eben als toxisch bezeichnet. Und
ich glaube schon, dass das momentan ein großes Thema ist,
das die Menschen sehr berührt. Nach den Lesungen
kommen wahnsinnig viele Leute zu mir und sagen: Bei mir ist es
genauso. Meine Mutter spricht nicht mehr mit mir. Meine Tochter spricht
nicht mehr mit mir. Mein Partner spricht nicht mehr mit mir.

ZEITmagazin: Sie
sagten gerade, toxisches Schweigen könne sogar tödlich wirken.
Das klingt etwas drastisch.

Haller: Ich
bin eben auf das Thema gekommen, wie ich auf all meine Bücher
gekommen bin. Über das Verbrechen. Ich bin jetzt seit 43
Jahren Kriminalpsychiater und Verbrechen ist für mich Psychologie pur,
weil dort die Dinge, die sich auch sonst im Leben abspielen, sehr
konzentriert zum Ausdruck kommen: Neid, Eifersucht, Gier,
Hass, Gekränktheit und
auch toxisches Schweigen.

ZEITmagazin: War das ein
konkreter Fall, der Sie auf das Thema gebracht hat?

Haller: Ja, das war ein Fall, mit dem ich zu tun hatte. Ein älteres Ehepaar
sitzt ruhig zusammen. Den
beiden geht es wirtschaftlich gut, die Kinder sind aus dem
Haus. Das Paar hat keinen Streit, redet nicht mal
miteinander und plötzlich geht die Frau in die Küche, holt ein Messer und
rammt es dem Mann in die linke Halsseite. Er verblutet. Und bei der
Motivanalyse sagt sie nicht, das war ein Tyrann, ein Schläger oder
ein notorischer Fremdgänger. Nein, sie sagt nur: Er hat nicht
mehr mit mir geredet. Früher hätten sie so gut
miteinander reden können, aber seit Langem habe sie bitten und
betteln können, wie sie wollte, er habe einfach nicht mehr mit
ihr gesprochen. Nach und nach ist sie in einen vollkommen hilflosen
Zustand hineingekommen. Sie wusste nicht, was sie in ihrer Ohnmacht tun
sollte. Und dann entsteht so eine hassvolle Aktion, so ein primitiver
Reflex. Sie wollte ihn wahrscheinlich nicht umbringen, aber ihre
ganze Frustration, ihre Hilflosigkeit mit dieser Tat hinausstoßen. Ich habe
Ähnliches auch bei Femiziden beobachtet.

ZEITmagazin: Dass jemand,
weil er angeschwiegen wird, zum Messer greift, ist doch
sicher extrem selten?

Haller: Dennoch haben
die Fälle etwas Exemplarisches. Denn in sehr sehr vielen
Partnerschaften wird auf diese destruktive Art geschwiegen. Umso länger man zusammen ist, desto weniger redet man miteinander, oft nur noch über das Allernotwendigste, nicht mehr aber über Gefühle,
Ängste, Wünsche. Oder nehmen wir das Mobbing,
das läuft doch auch meist subtil ab, da wird
jemand angeschwiegen, geschnitten, ausgeschlossen. Und auf einer anderen
Ebene sprechen ganze Religionsgemeinschaften oder Staaten nicht
mehr miteinander. Da wird jahrelang verhandelt, wie etwa bei dem Angriffskrieg auf die Ukraine, ob und unter welchen
Bedingungen man überhaupt eventuell miteinander reden könnte.

ZEITmagazin: Man
spürt, auch beim Lesen Ihres Buches, dass Sie
das Thema sehr bewegt …

Haller: Ja, das
berührt mich wirklich, dass es uns Menschen möglich ist, die
technisch raffiniertesten Tötungswerkzeuge zu entwickeln, aber wir oft
nicht mehr in der Lage sind, das Urmenschlichste
zu tun – miteinander zu reden. Für mich ist dieses
toxische Schweigen der Beziehungskiller Nummer eins und auch der
Kriegstreiber Nummer eins.

ZEITmagazin: Sie
sprechen auch von regelrechten Schweigekriegen zwischen Paaren

Haller: Ja,
einer beginnt mit dem Schweigen. Und wenn der andere ihn nicht zum Reden
bewegen kann, fängt der ebenfalls an zu schweigen, um zu zeigen,
das kann ich auch, und zwar noch besser. So beginnen 30-jährige
Schweigekriege. Das ist natürlich ein Extrem, aber das gibt
es. Man muss nur danach fragen.

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