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Lehrpläne an Schulen: Lehrer, entrümpelt den Stundenplan!

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Die Lehrpläne sind zu voll, deshalb brauchen Pädagogen Mut zur Lücke. So werden auch die Pisa-Ergebnisse besser.

Volker Reinhardt ist Bildungswissenschaftler und Professor für Politikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Niederschmetternd – anders lassen sich die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie nicht bezeichnen. In den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften schneiden deutsche Schülerinnen und Schüler so schlecht ab wie noch nie, seitdem Pisa vor 25 Jahren begonnen hat, die Leistungen von 15-Jährigen weltweit zu vergleichen. Wie immer folgt auf die Hiobsbotschaft das bekannte Ritual: Kultusminister fordern strukturelle Reformen, Gewerkschaftsverbände mehr Lehrerstellen – und so mancher Blogger die längst überfällige Bildungsrevolution!

Wegen der föderalen Organisation ist der Bildungstanker schwer zu manövrieren, Strukturreformen erfordern unglaublich viel Zeit und Mühe. Dabei gibt es eine Art der Veränderung, für die niemand auf die nächste Reform warten muss – sie könnte sofort im Unterricht umgesetzt werden: Stoff aussortieren, sich auf wesentliche Lerninhalte konzentrieren! Aus meiner langjährigen Arbeit als Schul- und Unterrichtsentwickler weiß ich: Vor allem an den Gymnasien – aber längst nicht nur dort – herrscht eine Wissensvermittlung nach dem Stopfleber-Prinzip: Alles muss rein, auch wenn es längst zu viel ist. Die Bildungspläne sind in den meisten Bundesländern völlig überladen.

Den Schülerinnen und Schülern begegnet daher täglich in bis zu acht oder neun Fächern eine Masse an Begriffen und Faktenwissen, die niemand tiefgründig und sinnstiftend verarbeiten kann. So können am Ende viele Themen nur angeteasert werden – was gar nichts bringt, wie die Lernpsychologie weiß. Er werde erst dann einen Bildungsminister in Deutschland beraten, wenn dieser mindestens die Hälfte des Bildungsplans streiche, sagt der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie.

Volker Reinhardt

Wenn sich jeder Lehrer und jede Lehrerin für das gerade begonnene Schuljahr vornimmt, einen Teil des Lernstoffs in jedem einzelnen Fach auszusortieren und nur die wirklich wichtigen Themen exemplarisch mit den Schülern zu vertiefen, dann könnte man aus dieser Falle herauskommen. Statt unverdaulicher Begriffshuberei könnte man gezielt und mit mehr Zeit auf Fragen und Vorstellungen der Schüler eingehen, die Kinder und Jugendlichen kognitiv aktivieren und individuell unterstützen.

Pädagogen haben zunehmend das Gefühl, »alles abdecken« zu müssen. Dabei wissen alle: Gelehrt ist noch lange nicht gelernt! Und in Forschungsprojekten haben wir eindrucksvoll gesehen: Wo Lerninhalte reduziert werden und man sich gemeinsam auf zentrale Themen fokussiert, diese mit den Schülern in Lernateliers oder Lernwerkstätten vertieft, schneiden Schülerinnen und Schüler in Wissenstests sehr gut ab. Deshalb sollte gerade jetzt gelten: weniger Stoff, mehr Tiefe.

Auch auf Klassenarbeiten lässt sich verzichten. Vor allem dort, wo sie meist gar nicht vorgeschrieben sind. Etwa in den Nebenfächern der Mittelstufe. An ihre Stelle sollten sinnvolle Leistungstests treten: Werkstatt- oder Projektberichte, die das tiefgreifende exemplarische Lernen überprüfen.

Vertieftes Denken und die intensive Auseinandersetzung mit Inhalten sind wichtige Erfolgsfaktoren für nachhaltiges Lernen. So steht es auch in der Pisa-Studie: »Die erfolgreichsten Bildungssysteme konzentrieren sich auf ausgewählte Lerngebiete.« Auf die Schnelle werden wir trotzdem keine entrümpelten Bildungspläne bekommen. Deshalb mein Appell an alle Lehrer: Entrümpelt selbst! Mistet großzügig Themen aus, und konzentriert euch auf wenige wichtige Inhalte, die fragend, denkend, unterstützend mit den Schülerinnen und Schülern bearbeitet werden. Es geht um bewusstes Fokussieren und bewusstes Weglassen.

Damit werden alle Beteiligten deutlich besser, tiefer und hoffentlich auch entspannter lernen und lehren. Jeder kann morgen damit anfangen. Es ist der Beginn eines Weges, der irgendwann auch wieder zu besseren Pisa-Ergebnissen führen wird.

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