Derjenige Fahrer im MotoGP-Feld, der am spätesten erfahren hat, für welches Team er in der kommen Saison fahren wird, ist Diogo Moreira. Der Brasilianer musste bis zum Grand Prix von Japan warten, um die Bestätigung zu erhalten, dass er 2027 ins Honda-Werksteam aufsteigt (MotoGP 2027: Wer fährt wo? Alle Wechsel und Verträge im Überblick).
Moreira, der aufgrund des vorzeitigen Saisonendes von Toprak Razgatlioglu schon jetzt als punktbester Rookie der MotoGP-Saison 2026 feststeht, hat Motorsport.com Spanien, einer Schwesterplattform von Motorsport-Total.com im Motorsport Network, auf Phillip Island ein Interview gegeben, in dem er seine Ambitionen, Erwartungen und Hoffnungen für 2027 offenlegt.
Frage: “Diogo, was überwiegt: die Vorfreude oder aber der Respekt, der mit dem Wechsel ins Honda-Werksteam an die Seite von Fabio Quartararo einhergeht?”
Diogo Moreira: “Es ist definitiv die Vorfreude auf alles das, was vor mir liegt. Ich habe noch den Rest dieser Saison und weitere zwei Jahre in meinem Vertrag stehen. Ich freue mich wirklich darauf, herauszufinden, was es bedeutet, ein Werksfahrer zu sein.”
Frage: “Ihre bisherigen Leistungen bei LCR haben Hondas Entscheidung bestätigt. Was müssten Sie in der kommenden Saison erreichen, um das Jahr am Ende als erfolgreich zu betrachten?”
Moreira: “Meine Einstellung wird sich ändern, einerseits weil ich im Werksteam sein werde, andererseits weil wir ein neues Motorrad haben werden. Zunächst einmal müssen wir herausfinden, wo wir stehen. Aber ich kann schon sagen, dass ich um mehr kämpfen möchte [als in diesem Jahr]. Es ist noch zu früh, um zu wissen, ob wir um den WM-Titel kämpfen können. Aber klar ist, dass meine Ambitionen hoch sein werden.”
Frage: “Es ist schwer einzuschätzen, wie konkurrenzfähig die einzelnen Motorräder sein werden, aber ich nehme an, Sie haben bereits eine grobe Vorstellung davon. Geben Ihnen die Informationen, die Sie bisher haben, Zuversicht?”
Moreira: “Wenn ich mir die Rundenzeiten vom Test in Österreich anschaue, würde ich sagen, dass Honda nächstes Jahr um den WM-Titel mitkämpfen könnte. Allerdings wissen wir nicht, was die anderen Hersteller noch zurückgehalten haben, oder was wir selber noch in petto haben.”
Mit der RC213V wurde Moreira Rookies des Jahres, mit der RC214V will er mehr
Foto: Gold and Goose Photography / Getty Images
“Schlussfolgerungen werden wir erst nächstes Jahr in Malaysia [bei den Tests vor Saisonbeginn] ziehen können. Trotzdem glaube ich, dass wir eine gute Grundlage haben. Honda arbeitet hart und hat viel Zeit und zusätzliche Ressourcen in das neue Projekt investiert.”
Frage: “Wie werden sich die Rennen Ihrer Meinung nach unter dem neuen Reglement verändern?”
Moreira: “Wir müssen sehr gut vorbereitet zu den ersten Grands Prix antreten, denn das beste Gesamtpaket könnte in der Anfangsphase der Saison den Ausschlag geben.”
Frage: “Warum glauben Sie, dass gerade diese ersten Rennen so entscheidend sein könnten?”
Moreira: “Weil sich sowohl die Motorräder als auch die Reifen ändern. Etwas Ähnliches passierte in der Moto2-Klasse, als Pirelli [im Jahr 2024] als Reifenhersteller übernommen hat. Ich erinnere mich, dass Ai Ogura und Sergio Garcia gleich in den ersten Rennen richtig stark waren. Am Ende hat Ogura den WM-Titel eingefahren. Ich denke, etwas Ähnliches könnte auch in der MotoGP-Klasse passieren.”
Frage: “Sie wechseln ins Werksteam und werden Fabio Quartararo als Teamkollegen haben, einen MotoGP-Weltmeister, der weithin als einer der besten Fahrer im Starterfeld gilt. Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit vor?”
Moreira: “Ich glaube, diese Herausforderung wird mir helfen, mich als Fahrer weiterzuentwickeln und das Niveau des Teams anzuheben. Fabio verfügt über enormes Talent und eine großartige Arbeitsmoral, zudem über die Erfahrung eines Weltmeisters. Wir können beide eine gute Saison hinlegen und Honda dabei helfen, weitere Fortschritte zu machen.”
Frage: “Verstehen Sie, warum Honda so lange gebraucht hat, um Ihre Verpflichtung bekanntzugeben?”
Moreira: “Ja, das verstehe ich. Ich hatte es ja nicht eilig. Mein Vertrag läuft noch zwei Jahre, daher wäre ich so oder so zufrieden gewesen. Ich war ganz entspannt, weil ich das Gefühl hatte, meinen Job ordentlich zu machen. Die Ergebnisse kamen. Mich auszuwählen, schien die logische Entscheidung zu sein, auch wenn die Bestätigung noch auf sich warten ließ.”
Frage: “Die Bestätigung kam am Samstag in Japan, als Sie intern informiert wurden. Falls überhaupt noch Zweifel bestanden hätten, hat der Podiumsplatz im Sprint den Druck auf Honda erhöht, die Bekanntgabe zu tätigen?”
Moreira: “Das war nicht beabsichtigt. Ich bin auf das Podium gekommen, weil für mich alles zusammengepasst hat. Ich habe nicht über den Vertrag nachgedacht oder versucht, irgendetwas zu beweisen. Es lief gut und das Wochenende entwickelte sich vielversprechend. Auch das Rennen am Sonntag lief gut, bis ich gestürzt bin.”
Frage: “Werksfahrer zu sein bedeutet mehr Druck, mehr Arbeit und eine andere Rolle innerhalb der Teamstruktur. Fühlen Sie sich bereit für diese neuen Aufgaben?”
Moreira: “Ich weiß, dass es mehr Druck und mehr Arbeit geben wird, aber das motiviert mich. Ich betrachte die verbleibenden Rennen als eine Art Vorsaison für das nächste Jahr. Ich möchte körperlich und mental darauf vorbereitet sein, diesen Druck zu bewältigen und mehr Verantwortung zu übernehmen.”
2027 Teamkollegen bei Honda: Diogo Moreira und Fabio Quartararo
Foto: Oriol Puigdemont
“Damit meine ich Verantwortung sowohl bei meiner körperlichen Vorbereitung als auch während der Testfahrten. Ich werde anders arbeiten und denken müssen, aber eines weiß ich: Wenn ich Spaß auf dem Motorrad habe, bin ich schnell.”
Frage: “Nach dem, was Sie über Ihre eigenen Erfahrungen gesagt haben, kann ich mir vorstellen, dass David Alonso bei LCR in ein sehr gutes Team kommt.”
Moreira: “Auf jeden Fall. Er kommt in einem sehr interessanten Jahr, mit Pirelli-Reifen und einem Motorrad, das meiner Meinung nach einfacher zu fahren sein wird als die aktuellen 1.000er-Maschinen. Auch Honda macht Fortschritte. LCR weiß, wie man mit Rookies umgeht. Bei mir lief von Anfang an alles sehr gut. Ich bin überzeugt, dass sich David gut schlagen wird.”
Frage: “Sie waren Moto2-Weltmeister und haben Ihr MotoGP-Debüt in einem Satellitenteam gegeben. Glauben Sie, dass das einfach der beste Weg für einen Rookie ist?”
Moreira: “Es ist sehr schwierig, direkt aus der Moto2-WM in ein MotoGP-Werksteam zu wechseln. Das haben nur sehr wenige Fahrer geschafft. Unter den derzeit aktiven Fahrern sind es meiner Meinung nach nur Marc und Alex Marquez.”
Im Motegi-Sprint errang Moreira seine erste Top-3-Platzierung als MotoGP-Pilot
Foto: Gold and Goose Photography / Getty Images
“Den Weg zu gehen, den ich eingeschlagen habe und den jetzt auch David beschreitet, das ist der logische Ansatz. Ich bin mir sicher, dass Alonso in ein paar Jahren in einem Werksteam fahren wird. Aber ja, für Rookies ist genau das der angemessenste Schritt.”
Frage: “Ihre erste MotoGP-Saison neigt sich dem Ende zu. Hat sich irgendetwas anders entwickelt, als Sie es erwartet hatten, als Sie in die Königsklasse eingestiegen sind?”
Moreira: “Ich war überrascht, wie sehr das Motorrad die Performance bestimmt. Egal, wie gut ein Fahrer ist, es kommt ein Punkt, an dem es schwierig wird, noch mehr herauszuholen.”
Frage: “Glauben Sie, dass das der größte Unterschied zur Moto2-Klasse ist?”
Moreira: “Auf jeden Fall. In der Moto2-Klasse kann der Fahrer mehr bewirken und mit dem Motorrad experimentieren. In der heutigen MotoGP-Klasse ist das praktisch unmöglich. Man kommt an einen Punkt, an dem man einfach nicht noch mehr herausholen kann. Das hatten mir einige Leute schon vorher erklärt, und jetzt erlebe ich es selber. Wir werden sehen, ob die neuen Motorräder die Situation ein wenig verändern können.”
Frage: “Haben Sie Anzeichen dafür gesehen, dass dies passieren könnte, alsodass der Einfluss des Fahrers zunehmen wird?”
Moreira: “Ja. Mit dem neuen Motor und der neuen Aerodynamik werden wir meiner Meinung nach unseren Körper stärker einsetzen können. Der Fahrer wird einen größeren Einfluss auf die Gesamtperformance haben.”
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