Das plötzliche Aus von Esteban Ocon bei Haas könnte das Ende seiner Formel-1-Karriere bedeuten. Doch egal, wie es für ihn weitergeht: Ocon hat bereits weit mehr erreicht, als irgendjemand hätte erwarten können, als seine Reise begann.
Denn Geschichten wie seine gibt es in der modernen Formel 1 nicht viele: Kinder aus bescheidenen Verhältnissen, die nicht schon früh von wohlhabenden Familien oder finanzkräftigen Sponsoren unterstützt werden und es trotzdem bis an die Spitze des Motorsports schaffen – geschweige denn so viel erreichen wie Ocon.
Sein abruptes Ausscheiden bei Haas könnte dieses Kapitel seiner Rennfahrerkarriere durchaus beenden. Natürlich kann sich das noch ändern: Er könnte zurückkehren, denn er gehört weiterhin zu den besten Fahrern der Welt. Im Moment ist nur schwer vorstellbar, wie das passieren sollte.
Viele Plätze gibt es nicht mehr für 2027 …
Wer glaubt denn schon daran, dass Ocon beim Formel-1-Auftakt 2027 in der Startaufstellung steht? Die meisten Cockpits sind bereits vergeben, und für die möglicherweise noch verfügbaren Plätze gibt es zahlreiche Kandidaten. Es spricht wenig dafür, dass Ocon plötzlich an ihnen vorbeiziehen würde.
Hinter dem zweiten Cadillac-Cockpit steht noch ein Fragezeichen, aber da wäre Colton Herta mit seinem US-amerikanischen Pass und als weitere mögliche Option Yuki Tsunoda. Auch die Zukunft von Liam Lawson ist noch nicht bestätigt, doch Red Bull wird nicht plötzlich einen 30 Jahre alten Franzosen in den Kandidatenkreis für sein Juniorenteam aufnehmen. Im Wesentlichen läuft es dort auf einen Zweikampf zwischen Lawson und dem 19 Jahre alten Bulgaren Nikola Tsolov hinaus.
Wahrscheinlicher ist, dass Ocon erneut auf der Ersatzbank Platz nehmen und auf eine Gelegenheit warten müsste, bis jemand unter der Dusche ausrutscht.
Ein Comeback haben schon andere Fahrer geschafft
Und es gibt genügend Beispiele für Fahrer, denen nach einem solchen Weg schließlich die Rückkehr gelungen ist. Selbst im aktuellen Fahrerfeld finden sich mit Alexander Albon, Valtteri Bottas und Nico Hülkenberg Beispiele dafür. Auch Ocon selbst gehört in diese Gruppe: Nachdem er ein Jahr als Mercedes-Ersatzfahrer an der Seitenlinie verbracht hatte, kehrte er 2020 mit Renault in den Rennbetrieb zurück. (Fotostrecke: Die Karriere von Esteban Ocon)
Doch so unangenehm diese Wahrheit auch sein mag: Die Art und Weise, wie Ocons Saison 2026 so plötzlich endete, macht ein Comeback noch unwahrscheinlicher, als es ohnehin der Fall gewesen wäre, wenn er das Jahr einfach mit Haas zu Ende gefahren hätte.
Was genau vorgefallen ist? Wissen wir nicht!
Es hat keinen Sinn, darüber zu spekulieren, was zwischen ihm und dem Team tatsächlich passiert ist. Und es wäre falsch, den kursierenden Gerüchten noch mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Was wir wissen: Am Wochenende des Grand Prix von Mexiko-Stadt 2026 ist etwas passiert. Und was auch immer es war, es reichte Haas, um Ocon aus dem Auto zu nehmen und es Ryo Hirakawa zu überlassen – einem Fahrer ohne vorherigen Formel-1-Start, der im Alter von 32 Jahren sein Grand-Prix-Debüt gab. So etwas hatten wir nicht mehr erlebt, seit Andre Lotterer 2014 in Spa in einen Caterham stieg.
Was auch immer vorgefallen ist: Es war schwerwiegend genug, dass Haas Ocon nicht nur für dieses Wochenende aus dem Cockpit nahm, sondern auch entschied, ihn in dieser Saison überhaupt nicht mehr für das Team fahren zu lassen.
Für Haas ist die Situation ein Gewinn
Ja, möglicherweise kam Haas die Situation auch gelegen. Das Team hat nun die Gelegenheit, seinem künftigen Fahrer Rafael Camara echte Rennerfahrung zu verschaffen. Das wird dem Brasilianer sicherlich helfen, aber auch dem Team: Haas kann Bereiche identifizieren, an denen gearbeitet werden muss, Camara besser kennenlernen und von all den anderen Erkenntnissen profitieren, die sich ergeben, wenn ein junger Fahrer einen Grand Prix bestreitet. Aber nur deshalb hätte Haas Ocon nicht vor die Tür gesetzt.
Wenn ein Fahrer mit seinem Team aneinandergerät, ist das sicherlich nicht ideal. Wenn es so weit kommt, dass das Team ihn aus dem Auto nimmt, ist es schlimmer. Und wenn es sich bei diesem Fahrer um Ocon handelt, ist es schwierig, nicht über seinen Ruf zu sprechen und Mexiko 2026 als einen weiteren Makel zu betrachten.
Was Ocons Ruf mit der Situation zu tun hat
Ein Ruf ist eine komplizierte Sache. Er entsteht häufig nach seinen eigenen Regeln, durch ungewöhnliche Umstände und heutzutage auch durch das Mysterium der Algorithmen sozialer Medien. Sobald es etwas zu hassen gibt, bietet die moderne Welt mehr als genug Möglichkeiten, diesen Effekt zu vervielfachen, ihn bis zur Unkenntlichkeit zu übertreiben und die ganze Sache zu einer Farce werden zu lassen.
Aber dieser Ruf existiert: Ocon hat den Ruf, ein Charakter zu sein, mit dem die Zusammenarbeit bisweilen schwierig sein kann. Schließlich endete bereits seine vorherige Zeit bei einem Team auf bemerkenswert ähnliche Weise: Alpine forderte ihn auf, sein Cockpit noch vor dem Ende der Saison 2024 zu räumen. Hinzu kommt die ganze Aufregung um seine Kollisionen mit Teamkollegen.
Tatsächlich ist die Sache längst nicht so schlimm, wie der Hass in den sozialen Medien vermuten lässt, und viele dieser Zwischenfälle waren nicht einmal seine Schuld. Wer sich die einzelnen Situationen noch einmal ansieht, bekommt ein wesentlich weniger eindeutiges Bild, als es die üblichen Reaktionen in den sozialen Medien suggerieren.
Aber es ist, wie es ist. Und ebenso stimmt, dass jeder, der Ocon als künftigen Fahrer in Betracht zieht, zwangsläufig mit diesem vorgefertigten Bild auf ihn blicken wird – egal, wie fair oder unfair das sein mag.
Der eigentliche Esteban Ocon ist ganz anders
Zwischen diesem Image und dem Menschen, den wir in Interviews erleben, besteht eine verblüffende Diskrepanz. Ob man es glaubt oder nicht: Ocon gehört im Formel-1-Fahrerlager zu den angenehmsten Gesprächspartnern. Freundlich, gesprächig, sehr höflich. Und dennoch gibt es genügend Menschen, die sagen würden, dass der Umgang mit ihm bisweilen schwierig sein kann.
Darüber sprachen wir, als ich ihn vor einigen Jahren für das Magazin GP Racing interviewte. Wir hatten ihn in seinem Trainingszentrum in Südfrankreich besucht und anschließend auf der Autofahrt zu seinem Zuhause in Genf ein langes Gespräch geführt.
Ich erzählte ihm, dass ein Sportdirektor eines Formel-1-Teams Ocon mir gegenüber einmal als einen der härtesten Typen bezeichnet hatte, wenn es um Diskussionen im Raum der Sportkommissare ging. Ich fragte ihn, ob er glaube, dass dies ein Teil seines Charakters sei. Und er räumte ein, verstehen zu können, was die Leute damit meinen könnten.
Esteban Ocon und Lewis Hamilton im Formel-1-Fahrerlager
Foto: LAT Images
“Aber ja, wenn etwas gesagt werden muss, muss es gesagt werden – gerade in der Formel 1”, sagte er mir damals. “Wir haben hier keine Zeit zu verlieren. Deshalb ist es wichtig, direkt zu sein. Vielleicht bin ich manchmal zu direkt, aber nun ja.”
“Ich werde nichts einfach hinnehmen, nachdem ich so hart dafür gearbeitet habe, dorthin zu kommen, wo ich heute bin. Man sieht, wie viele Stunden ich hier jeden Tag investiere – und ich möchte mich nicht bei lebendigem Leib auffressen lassen, egal von wem – ob von einem Teammanager, einem Teamchef oder einem Weltmeister.”
Was die frühen Karrierejahre für Spuren hinterlassen haben
Wir sprachen auch darüber, dass dieser Teil seines Charakters möglicherweise in den frühen Jahren seiner Karriere geprägt wurde, als seine Zukunft nicht nur von seinen Ergebnissen abhing, sondern auch davon, für sich selbst einzustehen und so hartnäckig wie nötig um Unterstützung zu kämpfen.
Seine Familie hatte ihr Haus verkauft, um seine Kartkarriere zu finanzieren. Doch sie konnte schlicht nicht genügend Geld aufbringen, damit er seinen Weg durch die Nachwuchsformeln fortsetzen konnte. Ocon musste ein Kämpfer sein, denn ihm wurde nichts geschenkt. Und genau das muss man bewundern – ebenso wie seinen gesamten Weg.
“Das ist wahrscheinlich die richtige Art, es auszudrücken: Schon in sehr jungen Jahren lastete das Gewicht meiner Familie auf meinen Schultern”, sagte er. “Und ich sage das nicht, um Mitleid zu bekommen: Es war den Versuch wert, und wir haben es geschafft, dorthin zu kommen, wo wir hinwollten – und jetzt ist alles gut.”
“Aber natürlich musste ich mit dieser Art von Druck umgehen. Ich musste hart sein, wenn es darauf ankam, und ich musste dafür sorgen, gehört zu werden, wenn die Leute nicht unbedingt zuhörten oder nicht überzeugt waren. Und diese Geschäftsleute und Investoren dazu zu bringen, einem zuzuhören und wirklich aufmerksam zu sein, wenn man 13 oder 14 Jahre alt ist, ist nicht einfach.”
Vielleicht war nicht mehr drin für Ocon
Es wäre vermutlich falsch, die Sache so zu betrachten, als wäre genau das nun zu seinem Problem in der Formel 1 geworden. Denn er hat es so weit geschafft, weil er so ist, wie er ist. Und eine zehnjährige Karriere an der Spitze des Motorsports samt Grand-Prix-Sieg kann ihm niemand mehr nehmen.
So traurig es auch sein mag: Vielleicht war das einfach alles, was die Formel 1 für Ocon bereithielt.
Bei Mercedes war auf einmal kein Platz mehr
Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass jenes Wochenende, das sich als Ocons letztes Formel-1-Wochenende als Stammfahrer herausstellen könnte, gleichzeitig jenes Wochenende war, an dem Kimi Antonelli mit Mercedes Weltmeister wurde. Denn auch Ocon war einst Lieblingsschüler von Toto Wolff.
Wolff sagte sogar einmal, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Esteban für die Silberpfeile fahren würde. Dazu sollte es nie kommen. Und vielleicht gab es auch dafür einen Grund.
Ocon ist unbestreitbar schnell. Ohne Schnelligkeit absolviert niemand eine zehnjährige Formel-1-Karriere, geschweige denn gewinnt einen Grand Prix. Aber die Formel 1 ist eben die Formel 1. Und nur die absolut Besten, die über das komplette Paket verfügen, das für einen Weltmeisters erforderlich ist, schaffen es tatsächlich bis ganz nach oben. (Fotostrecke: Top 10: Hoffnungsvolle Formel-1-Talente, die gescheitert sind)
Es lässt sich nicht bestreiten, dass es gemessen an der reinen Geschwindigkeit deutlich mehr Fahrer gibt, die eine Weltmeisterschaft gewinnen könnten, als tatsächlich Weltmeister werden. Es braucht Glück. Es gibt Umstände, die einen enormen Einfluss darauf haben, wie sich Karrieren entwickeln. Und einige dieser Faktoren fügten sich für Ocon schlicht nicht zusammen.
Als Hamilton wechselte, brauchte Mercedes Ersatz
Oder vielleicht war sein Gesamtpaket in den entscheidenden Momenten nicht überzeugend genug – etwa für Wolff, um ihn in einen Mercedes zu setzen, als sich die Gelegenheit bot. Schließlich war Ocon verfügbar, als Lewis Hamilton seinen Wechsel zu Ferrari beschloss. Doch als es um Hamiltons Nachfolge ging, hatte Toto bereits einen neuen Lieblingsschüler – Antonelli. Und am Ende sollte er damit recht behalten.
Was auch immer als Nächstes passiert: Selbst wenn Ocon nie wieder den Weg zurück in die Startaufstellung findet, gibt es keinen Grund, mit Mitleid oder Bedauern auf seine Karriere zurückzublicken. Denn er hatte eine Laufbahn, für die Tausende Rennfahrer beinahe alles geben würden. Es ist ein wenig traurig – und sogar absurd -, dass sie auf diese Weise enden könnte. Aber danach sollte er ganz sicher nicht beurteilt werden.
Und außerdem: So schwierig die Situation derzeit auch aussieht, so unmöglich eine Rückkehr erscheinen mag: Wir sprechen über jemanden, der bereits einen unmöglichen Traum wahr gemacht hat – einen Jungen aus einer kleinen französischen Stadt, dessen Vater Mechaniker war und der es bis in die Formel 1 geschafft hat.
Ocon sollte noch nicht abgeschrieben werden. Und egal, wie es weitergeht: Für das, was er bereits erreicht hat, verdient er Anerkennung.
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