Gegenüber der kahlen Sankt-Ansgar-Kirche liegt die Hansabibliothek, das Herz des zugigen Hansaviertels. Es wurde im Überschalltempo der Wiederaufbaujahre hochgezogen und sollte mit seinen knochigen Aalto- und Gropius-Gebäuden die helle, menschenwürdige Antwort auf die Tyrannen-Architektur von Stalin und Hitler sein. Aber der Wind, der im Winter zwischen den schmucklosen Hochhäusern pfiff, war trotzdem derselbe, der weit im Osten die herrische Karl-Marx-Allee bis heute für zarte Seelen unbewohnbar macht.
An einem der letzten eisigen Abende des Winters 2026 saß David, einer der beiden Söhne meines verloren geglaubten Münchner Freundes Marijan – Marijan Vajda –, in der Hansabibliothek in einem kleinen, stickigen Vortragssaal und machte eine Tonprobe für die erste Lesung aus seinem ersten Roman. Es war die kurze, traurige Geschichte des langen Abstiegs, Aufstiegs und Wiederabstiegs einer jugoslawisch-deutschen Künstlerfamilie, in deren Mittelpunkt ein Mann stand, der wie ein Zwilling meinem verschwundenen Freund Marijan glich, Davids Vater. Ich hatte Marijan immer sehr gerngehabt, damals, in München, in der besten Schumann’s-Zeit. Er war herzlich, klug, er hatte Babel gelesen und träumte von Hollywood, obwohl er meist nur schlecht ausgeleuchtete deutsche Fernsehfilme drehen durfte. Und er hatte einen sehr festen Griff, wenn er mich wie eine ertrinkende Katze am Nacken packte und zu einer unendlichen Umarmung an seine breite Brust drückte. Irgendwann wurde mir das trotzdem zu viel.
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