Home Home Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Raus aus den Filterblasen! Eine ganze...

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Raus aus den Filterblasen! Eine ganze Schule liest dasselbe Buch

0
3
Die Elbvertiefung am Montag – Mit einer Einigung im Tarifstreit, dem Jahrestag der Sturmflut und einem umstrittenen Theaterstück

Liebe Leserin, lieber Leser,

was war der letzte Roman, von dem Sie mit einiger Sicherheit sagen können,
dass alle in Ihrem Bekanntenkreis ihn gelesen haben? Oder zumindest, dass alle
eine klare Meinung dazu hatten und man gemeinsam darüber streiten konnte?

In meinem Fall muss es etliche Jahre her sein. Vielleicht war es Feuchtgebiete
von Charlotte Roche, das wäre 2008 gewesen. Bei Fernsehserien, die eine Zeit
lang als höchste aller Künste gehandelt wurden, ist es ähnlich. Seit Mad Men
hatte ich nicht mehr den Eindruck, dass alle dasselbe schauen. Diese Serie
endete 2015.

Ich vermute, dass das symptomatisch ist für unsere Zeit. Man hört zwar
viele Klagen über die angebliche Macht des Mainstreams. Aber in Wirklichkeit
gibt es gar keinen Mainstream mehr. Oder nur noch einen, der rasant erodiert.

Deshalb wurde ich hellhörig, als ich erfuhr, dass es eine Schule in
Tübingen gibt, in der in diesem Schuljahr alle Kinder und Jugendlichen dasselbe
Buch lesen. Und zwar Wolf, eine Erzählung von Saša Stanišić, die von
Regina Kehn wunderbar illustriert wurde. Es ist ein Buch aus Hamburg, davon habe ich hier berichtet (Z+). Wolf wurde im Stadtteil Ottensen geschrieben und verlegt, gelesen wird es aber
nicht nur dort, sondern potenziell überall, jetzt auch in Tübingen.

Als die Journalistin Sandra Hermes den Schulleiter Florian Nuxoll nach dem Grund für die kollektive Leseaktion fragte,
sagte er: “Jeder ist in anderen Filterbubbles unterwegs. Die Kinder schauen ja
nicht mal die gleichen Cartoons oder spielen dieselben Computerspiele.”

Die Maßnahme dient also nicht nur der Leseförderung, sondern auch der
Vergemeinschaftung. Demnächst kann jedes Kind, das verloren auf dem Schulhof
oder in der Mensa-Schlange steht, das andere fragen: “Wie fandest du die
Stelle, als der Wolf nachts vor dem Fenster …?” Also, mal vorausgesetzt, dass
wirklich alle das Buch dann auch gelesen haben werden. Aber hier bei der ZEIT
erwarten wir selbstverständlich nur das Beste von der Jugend.

Mal eben 1.650 Exemplare eines Buches auf einen Schlag zu bestellen, wie
Nuxolls Schule das getan hat, unterstützt auch den Verlag. Und es ist eine
kräftige Finanzspritze für eine der vielen kleinen Buchhandlungen, die es
wirtschaftlich oft nicht leicht haben, davon berichtete Annika Lasarzik neulich
an dieser Stelle.

Unterm Strich gelingt es hier, mit einer einzigen Maßnahme zugleich erstens
die Leselust und zweitens das Sozialleben von Kindern zu fördern, nebenbei drittens
die kulturelle Infrastruktur zu stabilisieren – ist das nicht super?

Vielleicht sollten wir alle mal 1.650 Bücher auf einen Schlag bestellen und
diese großzügig im sozialen Nahbereich verteilen. Rettet den Mainstream!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag,

Ihr Oskar Piegsa

Wollen
Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten?
Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de.

WAS HEUTE WICHTIG IST

Mehrere Tausend Menschen haben am Samstag auf dem Rathausmarkt die
Überprüfung rechtsextremer Parteien
durch das Bundesverfassungsgericht gefordert.
Zeitgleich fand am Thalia Theater ein spielerisches Gerichtsverfahren gegen die
AfD statt, das teils für Unmut sorgte, da auch Anhängerinnen und Anhänger der Partei
zu Wort kamen. “Wir möchten keinen Extremist*innen oder Faschist*innen eine
Bühne bieten”, schrieb Regisseur Milo Rau in einer Stellungnahme. “Aber um ihre
Narrative wirksam und faktenbasiert zu widerlegen, müssen wir uns mit ihrer
Gedankenwelt befassen.” Zu den Beteiligten des fiktiven Verfahrens zählten Kultursenator
Carsten Brosda (SPD), die Philosophin Susan Neiman, die frühere AfD-Sprecherin
Frauke Petry und der Kolumnist Harald Martenstein.

Es gibt eine Tarifeinigung für Beschäftigte im
öffentlichen Dienst.
Die Löhne sollen in drei Schritten um insgesamt 5,8
Prozent steigen, teilten die Verhandlungsparteien in Potsdam mit. Zusätzlich
komme eine “Hamburg-Zulage”: Beschäftigte mit Kontakt zu Bürgerinnen und
Bürgern verdienen ab sofort zusätzlich 100 Euro im Monat, dieser Zuschlag
steigt auf 115 Euro ab Mai 2027. Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst
erhalten zunächst 50 Euro, später 75 Euro. Offen ist, was die Tarifsteigerung
für die finanzielle Lage beispielsweise der Hochschulen bedeutet. Dort herrscht schon jetzt Geldmangel (Z+).

Die Reederei Hapag-Lloyd will einen israelischen
Konkurrenten übernehmen.
Man führe fortgeschrittene Verhandlungen über den
Erwerb sämtlicher Anteile an der Zim Integrated Shipping Services Limited,
teilte das Unternehmen mit. Hapag-Lloyd mit Hauptsitz in Hamburg ist gemessen an der
Transportmenge die größte
deutsche Container-Reederei. Der Kauf von Zim wäre eine
weitere Konsolidierung in der Branche der Linien-Reedereien.

Am Wochenende ist es wegen Glätte zu Hunderten Unfällen auf den
Straßen von Hamburg und Schleswig-Holstein gekommen. In Billstedt wurden etwa
fünf Menschen teils schwer verletzt. Ein Mann war mit überhöhter
Geschwindigkeit gefahren und auf die Gegenspur geraten. Auch in dieser Woche
besteht wegen eisiger Temperaturen Glättegefahr.

Der Abriss der beschädigten Freihafenelbbrücke
sei unvermeidbar,
sagte der Sprecher der Wirtschaftsbehörde. Zugleich sei
unklar, ob man sie durch ein Behelfsbauwerk ersetzen könne. Im Oktober hatte
ein Binnenschiff die denkmalgeschützte Brücke gerammt. Seitdem ist sie
gesperrt. Ein Ersatzbauwerk müsse rund 20.000 Fahrzeuge pro Tag tragen können,
darunter schwere Lkw. Konkrete Pläne will die Wirtschaftsbehörde Ende Februar
mitteilen.

AUS HAMBURG

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Raus aus den Filterblasen! Eine ganze Schule liest dasselbe Buch

Eine Stadt in Ohnmacht

Nachdem ein
Mann in Hamburg die 18-jährige Fatemeh Z. mit sich vor eine U-Bahn und in den
Tod riss, streitet die Politik über die Lehren. Aber sie setzt an der falschen
Stelle an.
Lesen Sie hier einen Auszug
aus dem Kommentar von ZEIT-Redakteur Christoph Heinemann.

Seit bald zwei Wochen nun kreist Hamburg um die
Frage, warum die 18-jährige Fatemeh Z. sterben musste. Wieso der 25 Jahre alte
Ariop A., ein Geflüchteter aus dem Südsudan, sie mit sich vor eine einfahrende U-Bahn zerrte. Aber da sind
keine Antworten, nur Streit. Und viel Lärm.

36 Stunden nach der Tat hielt die AfD eine “Mahnwache” am U-Bahnhof
Wandsbek-Markt ab, um den Fall als Beleg einer angeblich “tödlichen”
Asylpolitik für sich zu nutzen. Kaum wurde die Demo bekannt, riefen auch
Linksradikale dazu auf, sich dort zu versammeln. Vor Ort übertönten sich dann
beide Gruppen, das Gedenken an die ermordete Fatemeh Z., die alle nur Asal
nannten, ihre trauernden Freunde und Verwandten gerieten beinahe zur
Nebensache. 

Das rechtspopulistische Portal Nius zeigte Social-Media-Bilder des
Täters und übernahm in einem Kommentar die Bewertung der AfD. Die
Sozialarbeiter, die Ariop A. wirklich kannten, tauchten ab, offenbar weil sie
Angst hatten, ins Visier der Empörten zu geraten.

Der Hamburger Oppositionsführer, CDU-Fraktionschef Dennis Thering, forderte
“sichtbares Sicherheitspersonal auf den Bahnsteigen, rund um die Uhr”, als
ließe sich das Bahnnetz einer Metropole lückenlos abdecken. Vor allem müssten
jetzt Geflüchtete, die als Straftäter bekannt seien, konsequent abgeschoben
werden. Die SPD beklagte zunächst, der Fall werde politisch instrumentalisiert.
Dann forderte der SPD-Bürgermeister Peter Tschentscher plötzlich über einen
Sprecher dasselbe wie Thering: mehr “Regelungen zur Rückführung”.

Am vergangenen Dienstag nun mussten Asals Eltern ihre Tochter beerdigen. “Mein
kleines Herz, mein Honig”, rief die Mutter in einer Kapelle auf dem Friedhof
Ohlsdorf immer wieder, danach brach sie zusammen. Am Mittwoch tagte die
Bürgerschaft, sie hielt eine Schweigeminute für die junge Frau ab, doch direkt
danach stritten alle Fraktionen im Plenum noch heftiger als zuvor. Einen
konkreten Plan aber fasste man wieder nicht.

 Lesen Sie weiter in
der ungekürzten Fassung dieses Kommentars.

Zum
Artikel (Z+)

SCHON GELESEN?

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Raus aus den Filterblasen! Eine ganze Schule liest dasselbe Buch

“Ich wusste nicht, welche Kraft Wasser haben kann”

Jedes Frühjahr treffen sich
die Überlebenden der Sturmflut von 1962. Damals wurde ein Sechstel des Hamburger Stadtgebietes überflutet, 315 Menschen
starben.
Heute
Abend um 18 Uhr findet die Gedenkveranstaltung auf dem Vorplatz
des Museums Elbinsel Wilhelmsburg (Kirchdorfer Straße 163) statt. Einen Bericht
von ZEIT-Autorin Miriam Amro über das Treffen im vergangenen Jahr finden
Sie hier:
Zum Artikel (Z+)

DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN

Der Zeichner Ully Arndt kommt am Donnerstag zur
Signierstunde seines Comics “Der Goldene Handschuh” in den Comicladen
Petit Kami
. Acht Jahre hat er an der Umsetzung gearbeitet. “Ich musste dieses Buch einfach machen”, sagte er dem
ZEIT-Autor Sven Stillich (Z+)
. Der Comicladen Petit Kami
befindet sich in Ottensen, nicht weit von dem Haus, in dem einst Fritz Honka
gelebt hat, der Frauenmörder, von dessen Taten der Comic erzählt.

“Der Goldene Handschuh”, Signierstunde mit Ully Arndt, 19.2., 18–19 Uhr; Petit Kami, Bahrenfelder Str. 200

MEINE STADT

Morgens an der Alster

Morgens an der Alster

HAMBURGER SCHNACK

Ich spiele mit meiner fünfjährigen Enkelin in ihrem Kinderzimmer. Sie
möchte einer Freundin einen Brief schreiben und ihr ein Bild malen. Sie murmelt
etwas vor sich hin: “… die Blume in Rosa oder in Blau …” Ich habe es nicht
so richtig verstanden und frage nach, was sie meint. Darauf sie: “Nein, Oma,
ich habe das nicht zu dir gesagt. Ich habe mit meinem Gehirn gesprochen, welche
Farbe ich jetzt nehmen soll.”

Gehört von Daniela Rath

Das war die Elbvertiefung, der tägliche
Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in
Ihrem Postfach landet, können Sie ihn
hier
kostenlos abonnieren
.

Disclaimer : This story is auto aggregated by a computer programme and has not been created or edited by DOWNTHENEWS. Publisher: newsfeed.zeit.de