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Ewige Talente: Eine Ode an die uneingelösten Versprechen des Weltfußballs

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Einst Broich oder Scholl, nun Brekalo oder Aouchiche: Ist es die Tragik, die unser Kolumnist so faszinierend findet an den ewigen Talenten? Oder ihre Menschlichkeit?

In unserer Kolumne “Grünfläche” schreiben
abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian
Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil
von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 06/2026.

Zwei der Spieler, die ich mir in meiner Kindheit und
Jugend immer für meinen Herzensverein Eintracht Frankfurt gewünscht habe, waren
Kalle Pflipsen und Marco Reich. Pflipsen spielte Mitte der Neunzigerjahre bei
Borussia Mönchengladbach und galt als herausragendes Talent auf der
Spielmacherposition. Ein junger, unbekümmerter Typ mit herabgerollten Stutzen,
der über den Platz trabte und alle naselang mal einen kleinen Traumpass aus
dem Fußgelenk schüttelte, als würde sein Knöchel lässig die Hang-loose-Geste
machen. 

Reich wiederum war neben Michael Ballack das größte Talent des 1. FC Kaiserslautern, als der FCK seinen unwahrscheinlichen
Abstiegs-Aufstiegs-Meisterschafts-Run hinlegte. Ich erinnere Reich als
dynamischen Mittelfeldspieler, der mit im Wind aufplusterndem Trikot an
hilflosen Abwehrspielern vorbeijagte, ein Mensch gewordener Blasebalg, der
durch die Liga pustete. (Und natürlich hatte er den schönsten Nachnamen der
Welt.)

Beide Spieler wechselten nie zur Eintracht, und rein
sportlich war das wahrscheinlich besser so. Pflipsen wurde ein solider
Bundesligaspieler, Reich startete nach zwei, drei ordentlichen Bundesligajahren
eine Odyssee durch kleinere Ligen und Klubs. Aber die große Karriere, die man
angesichts ihres Talents hätte erwarten können, blieb aus. Dafür umwehte sie danach stets dieses große Hätte-wäre-wenn. Fiel ihr Name in Gesprächen, war die Pause
im Anschluss immer eine Millisekunde länger, als gelte es, kurz einer
verlorenen Karriere zu gedenken. Sie wurden zu jenen Spielern, die nun eine
zweite, imaginierte Laufbahn hatten, die sich als Schatten auf die echte legte.
Eine, in der es so gelaufen wäre, wie es angesichts ihrer Begabung eigentlich
hätte laufen müssen. Sie wurden: ewige Talente.

Nun ist ja just die Transferphase zu Ende gegangen und
hin und wieder musste ich an Pflipsen und Reich denken. Etwa, als Josip Brekalo
zu Hertha BSC wechselte. Brekalo galt vor etwa zehn Jahren als eines der
größten Talente Europas, ein wonderkid auf der Außenbahn, das Erinnerungen an Arjen Robben weckte und von halb Europa
gejagt wurde. Anstatt zu Inter, Arsenal oder Dortmund, die ihn alle wollten, ging
er allerdings nach Wolfsburg, später dann zum FC Turin, Kasimpasa oder Oviedo.
Stationen einer Karriere, die mit “so lala” wohl ganz gut beschrieben ist. Und
die so ähnlich auch Adil Aouchiche hingelegt hat. 

Einst bei PSG als eines der
größten Talente (des an Talenten ja ohnehin nicht armen) Frankreichs unterwegs,
führte Aouchiches Weg über Lorient, Portsmouth und Aberdeen in diesem Winter
zum FC Schalke 04 in die Zweite Bundesliga. Aouchiche absolvierte in
Frankreichs U-Nationalmannschaften 48 Spiele, bei der U17-EM 2019 wurde er mit
neun Toren in fünf Spielen Torschützenkönig. Und das nicht mal als Stürmer. Nun
sagte er: “Schalke war meine einzige Option.” Was schon sehr klingt wie: “Das
ist meine letzte Chance.”

Noch bevor ich mich entschieden hatte, diesen Text über
ewige Talente zu schreiben, habe ich mir auf YouTube Highlight-Clips von
Brekalo und Aouchiche angesehen. Schnell landete ich bei Videos von Yoann
Gourcuff, Bojan Krkić, Ravel Morrison, Nii Lamptey, Freddy Adu, Thomas Broich
und vielen weiteren uneingelösten Versprechen des Weltfußballs. Die
aufblitzenden Fähigkeiten sind atemberaubend. All diese Spieler machten in
ihren besten Momenten Dinge, bei denen ihnen der liebe Fußballgott persönlich die
Beine geführt haben muss. Gleichzeitig hat das Ganze eine nicht zu leugnende
Tragik. Körnige Bilder von vor Jahren, als eine große Karriere möglich
schien, und die nun ein Requiem für einen Traum sind. Aber vielleicht macht das
auch nur die Streichermusik, mit der ein paar der Clips unterlegt sind.

Ist es diese Tragik, die ich so faszinierend finde an
ewigen Talenten? Vielleicht. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto eher
denke ich, es liegt an etwas anderem: Ewige Talente sind, vielleicht gemeinsam
mit den Skandalnudeln, die letzten Typen des Fußballs, die sich seiner gnadenlosen Hochleistungslogik und diesem unangenehmen Weiter-immer-weiter-Primat
entziehen. Spieler, die dem Druck nicht standhalten. Die sich im Zirkus Fußball
unwohl fühlen. Die am Trainer scheitern, an den Umständen, an den Anforderungen,
am verdammten Pech. Und immer wieder an sich selbst, an ihren
Unzulänglichkeiten, Schwächen, an ihrer Menschlichkeit. 

Sehe ich Brekalo demnächst
auf der Außenbahn enttäuscht abwinken, sehe ich Aouchiche demnächst die
Defensivarbeit verweigern, dann sehe ich, dass der Fußball nicht nur aus verbissenen
Ehrgeizlingen besteht, die den Sport durchziehen wie ein BWL-Studium. Sondern
dass der Profifußball durchaus noch Platz bietet für echte Menschen, für die
Schwäche und Scheitern das ist, was es nun mal ist: ein zentraler Teil unseres
Seins. Auch wenn das im Profifußball wahrscheinlich die wenigsten zugeben
würden.

Pflipsen, Reich, Aouchiche und all die anderen eint noch
etwas. Sie waren oder sind Kreativspieler. Ewige Talente gibt es im
Defensivbereich so gut wie nicht. Was man dort braucht, kann man sich erarbeiten.
Die ewigen Talente haben es durch das kreative Nadelöhr zu den Profis
geschafft, weil das Universum sie geküsst hat. Auch das finde ich tröstlich: Dieser
Sport wird für immer den Künstlern, den Feingeistern gehören, die das können,
was man nicht lernen kann.

In diesem Sinne werde ich in der laufenden
Zweitliga-Rückrunde auch ein Auge auf Aouchiche und Brekalo haben. Wegen der
Klasse, die aufflackern wird. Den besonderen Momenten, die man dereinst bei
YouTube sehen wird. Und auch wegen der leisen Tragik. Wenngleich sportlich bei beiden ja noch alles drin ist; Aouchiche beispielsweise ist erst 23.
Und sowieso: Lieber ewiges Talent als gar keins, das wusste schon Mehmet
Scholl, noch so ein Vertreter. Wenn sie ihr Talent also verschenken wollen, ist
das ihr gutes Recht. Zumal auf diesem Niveau ja sowieso nicht klar ist,
was genau das bedeutet.

Reich etwa wurde zweimal Meister, mit Lautern und Werder,
Pflipsen holte den DFB-Pokal. Beide machten genau je ein Länderspiel, das ist
mehr, als die Allermeisten von sich behaupten können. “Wofür soll ich mich
rechtfertigen?”, fragte Reich einst in einem Interview.

Für gar nichts, Marco, für gar nichts. Danke, dass du
gespielt hast.

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