«Ein sehr wichtiger Meilenstein in meinem Leben» – den hat der Holocaust-Überlebende Leon Weintraub mit 100 Jahren erreicht. Er erhielt in der historischen Aula der Göttinger Georg-August-Universität die Ehrendoktorwürde der Hochschule. Mit einem Kuss und unter stehenden Ovationen nahm er die Urkunde entgegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Weintraub an der Universität Medizin studiert.
«Wir sind geehrt, dass Sie die Auszeichnung annehmen», sagte Universitäts-Präsident Axel Schölmerich. Mit der Ehrendoktorwürde solle Weintraubs «unerschütterliche Haltung gegenüber Leid und Ungerechtigkeit» gewürdigt werden, wie die Universität mitteilte. Zudem erhalte er sie für «sein medizinisches Wirken und sein lebenslanges Engagement für Toleranz und Menschenrechte». Im Urkundentext wird Weintraub auch dafür gewürdigt, dass er sich inmitten des Holocausts die Menschlichkeit bewahrt habe.
«Versöhner»
Laudator Sascha Feuchert sagte: «Leon Weintraubs herausragendste Eigenschaft ist sein Wille zur Mitmenschlichkeit, der durch nichts zu brechen ist.» Der Germanist ist Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur sowie des Germanistik-Instituts an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ergänzt: Seine Erfahrungen würden Weintraub zu einem Mahner machen, «dessen Warnungen vor Rassismus, Antisemitismus sowie Gewaltherrschaft so glaubwürdig wie eindringlich sind».
Der Vorstandssprecher der Universitätsmedizin Göttingen, Wolfgang Brück, würdigte Weintraub als Versöhner und Brückenbauer und betonte Weintraubs «unerschütterliche Positivität». Brück hob ebenso wie Feuchert auch Weintraubs Mut hervor, kurz nach Kriegsende in Göttingen eines der schwersten Fächer zu studieren, noch dazu in einer fremden Sprache und neben Kommilitonen mit braunem Gedankengut.
Verbundenheit mit Göttingen
Der im heutigen Lozd in Polen geborene Jude überlebte unter der Herrschaft der Nationalsozialisten mehrere Konzentrationslager, darunter auch das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Nach seinem Studium war der Träger des Bundesverdienstkreuzes unter anderem Oberarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe an einer Warschauer Klinik, «weil er Menschen ins Leben helfen wollte», wie Schölmerich erklärte. Heute lebt er in Stockholm in Schweden. Seit mehr als 30 Jahren berichtet er als Zeitzeuge in Vorträgen über die Zeit des Nationalsozialismus. Erst vor einigen Tagen sprach er an der Polizeiakademie in Hann. Münden vor Studierenden.
Seiner Studienstadt Göttingen ist Weintraub seit jeher verbunden. Regelmäßig stattet er der südniedersächsischen Stadt Besuche ab. Vor vier Jahren las er etwa an der Universität aus seiner Biografie «Die Versöhnung mit dem Bösen», die damals veröffentlicht wurde. Bei einer Pressekonferenz dazu, sagte er, er hoffe als unheilbarer Optimist, dass Menschen in Zukunft ihre Konflikte lösen können, ohne zu töten. Er bekräftigte: «Jeder Mensch kommt ohne Vorurteile auf die Welt.»
Am Samstag soll Weintraub auch den Göttinger Friedenspreis überreicht bekommen. Er erhält die Würdigung zusammen mit dem Antidiskriminierungsprojekt Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, wie die Organisatoren mitteilten.
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