Home Home Nachruf Frederick Wiseman: Highschool, Schlachthaus, Polizeirevier

Nachruf Frederick Wiseman: Highschool, Schlachthaus, Polizeirevier

0
1
Er ging dorthin, wo Gesellschaft geschieht. Zum Tode des großen US-amerikanischen Dokumentarfilmers Frederick Wiseman

Was ist das eigentlich, und wie funktioniert das: Gesellschaft? Man kann es feiern, man kann es leugnen (wie einst Maggie Thatcher), man kann versuchen, es zu steuern. Aber nichts ist so schwierig wie es zu verstehen. Möglicherweise können da Filme manchmal hilfreicher sein als Ideale und Theorien. Filme, wie sie der US-amerikanische Dokumentarist Frederick Wiseman gedreht hat, der nun im Alter von 96 Jahren verstorben ist. 

Einer von denen, die uns sehen und verstehen gelehrt haben, ohne je behauptet zu haben, er und seine Kamera wüssten mehr als wir. Er ging dorthin, wo Gesellschaft geschieht und wo sie sich zugleich verbirgt. Dort sah er hin, dort hörte er zu, ohne zu kommentieren, ohne zu interviewen, ohne zu manipulieren. Direct Cinema war das Wort, das man für diese Art der Beobachtung geprägt hat. 

Frederick Wiseman war ein Wissenschaftler, der zum Filmemacher wurde; einer, der sich mit Kultur so gut auskannte, dass er neugierig darauf wurde, wie viel Regulation darin steckt, einer schließlich, der wissen wollte, wie viel Menschliches in der Gesellschaft, und wie viel Gesellschaftliches im Menschen steckt. Eine Art wissenschaftliche Neugier trieb ihn auch beim Filmemachen immer an. “Ich bin ein sehr neugieriger Mensch”, das war Wisemans einfachste und treffendste Erklärung für seine Arbeit. 

Er ging von Dingen aus, die der Fall sind. Wie zum Beispiel der Umstand, dass 80 Prozent aller US-Amerikanerinnen und -Amerikaner im Krankenhaus sterben. Dann ging er hin ins Krankenhaus, war sechs Wochen lang und 15 Stunden am Tag mit der Kamera dabei, wie Menschen sterben. Genauer gesagt, wie Menschen in den USA, im Beth-Israel- Hospital sterben, aufgrund eigener oder der Entscheidung anderer Menschen, die Behandlung einzustellen. Und er sah und hörte zu, wie Mediziner sich mit den Toten und den Ursachen und Umständen des Todes auseinandersetzten. Näher ist das Kino wohl in der Tat dem Sterben als Teil des Lebens nie gekommen als in den sechs Stunden von Near Death aus dem Jahr 1989.

Schon Frederick Wisemans erster eigener Film, Titicut Follies von 1967, führte in ein Krankenhaus, allerdings nicht in ein gewöhnliches, sondern ins Bridgewater State Hospital für psychisch kranke Kriminelle, die dort entwürdigender und gleichgültiger Behandlung ausgesetzt waren. Noch vor seiner Uraufführung beim New York Film Festival begann ein jahrelanger Rechtsstreit um Verbot oder Freigabe des Films. Der Staat Massachusetts verhinderte die Aufführung mit dem Hinweis auf die Persönlichkeitsrechte der Insassen. Aber wo wurden die Rechte der Menschen mehr verletzt, hinter den Gefängnismauern oder auf der Kinoleinwand? Frederick Wiseman lernte, seine Projekte noch besser juristisch abzusichern, und wer wollte, konnte aus dem endlosen Verfahren lernen, wie schwierig das ist, mit den Rechten von Mensch und Gesellschaft. 

Frederick Wiseman ging mit der Kamera in soziale Einrichtungen, in die Subsysteme von Staat und Gesellschaft, in die Transiträume und solche, in denen der Transit auch scheitern kann, wenn nicht soll: in die Highschool, ins Polizeirevier, ins Gefängnis, ins Krankenhaus, in den Gerichtssaal des Jugendgerichtshofes, ins Schlachthaus, auf den Kasernenhof, in die Getto-Wohnungen des Sozialbaus. Dabei gibt es zwar konstante Elemente der Methode, aber zur gleichen Zeit reagieren Kamera und Montage auch sensibel – man kann auch sagen: zärtlich – auf die jeweiligen Räume und die Vorgänge in ihnen. 

Wisemans Filme sind Beobachtungen, es gibt keine Kommentare, es gibt keine redenden Köpfe, es gibt keine Abschweifungen, keine melodramatische Musikbeigabe. Direct Cinema, das heißt bei ihm wirklich Dabeisein, in Situationen von Alltag und Zwang, mit einer Insistenz und Geduld, die dann immer wieder das Verborgene, Verdrängte oder Maskierte zum Vorschein bringt. Wiseman sieht nicht nur den Menschen bei Arbeit und Alltag zu, er hört auch genau hin. Und zwar vor allem dort, wo die Menschen weniger über ihr subjektives Leben als über die Beziehung zu ihrer Institution, zu ihrem Beruf sprechen, was Gewalt, Tod und Macht anbelangt. Oder Routine. 

Die Grundlage seiner Arbeit war das Vertrauen der von ihm beobachteten Menschen. Technisch gesehen wird das erreicht durch ein kleines unaufwändig arbeitendes Team – drei Leute sind meistens genug – und so viel Zeit wie möglich, die man miteinander verbringt. Das ergibt freilich in der Regel ein Verhältnis des gedrehten Materials zum verwendeten von etwa 30:1, und selbst, wenn man weniger Zeit und mehr Restriktionen beachten muss, wie bei Near Death immer noch 15:1. Deshalb muss auf den sehr direkten und kommunikativen Prozess des Drehens ein langer – und ziemlich einsamer – Prozess des Schnitts folgen. Und hier zahlt sich aus, dass Wiseman so viel von Kunst versteht wie von Politik und Gesellschaft. 

Disclaimer : This story is auto aggregated by a computer programme and has not been created or edited by DOWNTHENEWS. Publisher: newsfeed.zeit.de