Der Weg zum Abitur in Niedersachsen soll neu gestaltet werden. Doch macht die Reform der Oberstufe das Abitur besser – oder droht das Niveau zu sinken? Darüber scheiden sich die Geister. Ein Überblick über die Argumente für und gegen die geplanten Änderungen.
Was geändert werden soll
Kultusministerin Julia Willie Hamburg spricht von einem großen Wurf: «Wir machen das Abi moderner, individueller und motivierender, ohne das Niveau zu senken», verspricht die Grünen-Politikerin. «Wir schaffen also nichts ab, wir eröffnen neue Gestaltungsräume, statt an veralteten Strukturen festzuhalten.»
Konkret heißt das: Die Stundentafeln der Schülerinnen und Schüler sollen individueller werden. So werden die Fächer für die Stufe 11 in drei Bereiche aufgeteilt, innerhalb derer die angehenden Abiturientinnen und Abiturienten mehr Kombinationsmöglichkeiten bekommen als bisher. Damit sollen sie sich frühzeitig auf ihre Prüfungsfächer in Stufe 12 und 13 vorbereiten können.
Gleichzeitig sollen weniger Klausuren geschrieben werden als bisher und dafür sogenannte kombinierte Leistungsnachweise eingeführt werden. Das kann etwa ein Vortrag inklusive Rückfragen sein oder auch ein Podcast.
Auch in der Qualifikationsphase in Stufe 12 und 13 soll die Wahlfreiheit steigen. Es bleibt aber bei fünf Prüfungsfächern für das Abitur: In drei Leistungskursen werden zentrale Abiturklausuren geschrieben, in zwei Grundkursen soll es mündliche Abiprüfungen geben. Bisher gibt es nur eine mündliche Prüfung.
Gelten soll das neue System spätestens für die Schülerinnen und Schüler, die 2027/28 in die elfte Klasse kommen. Final beschlossen ist es noch nicht.
Was dafür spricht
Ministerin Hamburg begründet die Reform damit, dass das Abitur bundesweit vergleichbar sein solle. Bisher seien die Länder darin noch zu unterschiedlich. «Deswegen hat die Kultusministerkonferenz neue Eckpunkte entschieden», sagte sie. Niedersachsen setze diese nicht nur um, sondern nutze sie, um das Abitur moderner und leistungsorientierter zu machen.
Hamburg hält es für wichtig, dass sich die Schülerinnen und Schüler mehr an ihren eigenen Fähigkeiten und Interessen orientieren können, um damit auch ihre Anschlussfähigkeit an Hochschule und Berufsausbildung zu stärken. «Das spiegeln mir übrigens auch viele Unternehmen, mit denen ich spreche.»
Mit den alternativen Prüfungsformaten gebe man den Schülerinnen und Schülern zugleich mehr Möglichkeiten, ihr Wissen zeigen zu können. So würden etwa mit der Produktion eines Podcasts das projektorientierte Denken und Problemlösungskompetenzen der Schülerinnen und Schüler gestärkt. «Damit bereiten wir sie auf ihr selbstständiges Leben, ihren Beruf oder das Studium vor.» Auch Klausuren blieben aber ein wichtiger Bestandteil der Oberstufe.
Zuspruch erhält die Landesregierung etwa von den Verbänden für das Fach Geografie, die sich freuen, dass Erdkunde im Rahmen der Wahlfreiheit künftig den Fächern Politik-Wirtschaft und Geschichte gleichgestellt werden soll.
Was Kritiker befürchten
Die Opposition im Landtag warnt indes vor einer Absenkung des Niveaus in der Oberstufe und damit einer Entwertung des niedersächsischen Abiturs. «Das ist kein Fortschritt, das ist Bildungsabbau mit neuem Etikett», sagte etwa der AfD-Abgeordnete Harm Rykena über die Reformpläne.
Die CDU sieht insbesondere die Zukunft von Fremdsprachenkursen abseits von Englisch bedroht und kritisiert, dass das Fach Politik-Wirtschaft künftig abgewählt werden könnte.
«Die Schülerinnen und Schüler in diesem Land müssen weiterhin rechtsverbindliche Möglichkeiten erhalten, ein allgemeinbildendes Abitur mit all seinen Facetten belegen zu können», forderte die CDU-Abgeordnete Sophie Ramdor. Tatsächliche Wahlfreiheit gebe es nur dann, wenn entsprechende Kursgrößen auch zustande kommen. Gerade an kleineren und ländlichen Gymnasien könne das ein Problem werden.
Diese Sorge teilen auch die Unterstützer einer Petition: Mehr als 10.000 Menschen setzen sich damit dafür ein, die zweite und dritte Fremdsprache in der Oberstufe zu sichern. Derweil versichert Kultusministerin Hamburg, dass eine zweite Fremdsprache über fünf Jahre hinweg, anders als in anderen Ländern, eine Voraussetzung für das Abitur bleibe – und die Wahl einer dritten Fremdsprache in der Einführungsstufe sogar leichter werde als bisher.
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