Ferrari sieht in der Abschaffung der umstrittenen Balance of Performance (BoP) das finale Ziel für die Regelhüter der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC). Derzeit wird mit Hochdruck am Regelwerk für die Hypercars ab der Saison 2030 gearbeitet, die eine Vereinheitlichung der Regeln und Abschaffung der zwei Konzepte vorsieht.
Antonello Coletta, Leiter des Endurance-Programms bei Ferrari, argumentiert, dass der Schritt hin zu einer einheitlichen Plattform die bisherige künstliche Angleichung der Topklasse via BoP überflüssig macht.
Bisher versuchen die FIA und der ACO, die Fahrzeuge über ein komplexes System aus Leistung und Gewicht auf ein Niveau zu bringen. Damit sollen nicht nur die unterschiedlichen Konzepte der LMH- und LMDh-Klassen angeglichen werden, sondern auch Differenzen zwischen Fahrzeugen desselben Reglements ausgeglichen werden.
Der Verzicht auf die BoP würde den Wettbewerb wieder mehr nach dem Leistungsprinzip ausrichten, ist Coletta überzeugt. Zudem würden endlose Debatten über das Thema verstummen, nachdem die WEC in diesem Jahr dazu übergegangen ist, Daten zur BoP nicht mehr öffentlich zugänglich zu machen und damit Fans wie Medien bewusst im Dunkeln tappen lässt.
Wer braucht bei Einheits-Plattform eine BoP?
“Wir haben für 2030 eine sehr gute Chance”, sagt Coletta bei den 6 Stunden von Monza. “Wir sind mit zwei unterschiedlichen Plattformen und zwei verschiedenen Ideen gestartet. Jetzt sitzen wir alle zusammen an einem Tisch, um eine einheitliche Plattform zu definieren.”
“Bei einer einheitlichen Plattform können wir die Regeln sehr klar formulieren, und das finale Ziel sollte für uns die Abschaffung der BoP sein.”
“Wenn wir uns erinnern: Die BoP entstand damals durch die unterschiedlichen Plattformen mit Allradantrieb, Hinterradantrieb, LMDh und LMH”, führt er weiter aus.
“Aber wenn wir eine einheitliche Plattform haben, gibt es eine sehr gute Chance, die Meisterschaft auf Leistungsprinzip und echten Wettbewerb auszurichten – ohne Diskussionen vor jedem einzelnen Rennen über die BoP und ähnliche Themen.”
Auf die Frage, ob das Reglement tatsächlich einen Punkt erreichen kann, an dem die BoP überflüssig wird, antwortet er: “Das ist unser Traum.”
Falls sie bleibt: BoP darf nicht über Ergebnis entscheiden
Selbst wenn das System nicht komplett gestrichen werden kann, fordert Coletta zumindest eine deutliche Einschränkung der Eingriffe. Die BoP habe derzeit einen enormen Einfluss auf die Performance und das Fahrverhalten der Autos.
Eine zwingende Voraussetzung für den Verbleib der Italiener in der WEC über das Jahr 2030 hinaus sei ein BoP-Aus allerdings nicht. Für Ferrari steht vielmehr im Vordergrund, das Fahrzeug weiterhin nach der eigenen DNA entwickeln zu können, wie es derzeit in der LMH-Kategorie der Fall ist.
“Nein, das ist nicht zwingend notwendig”, stellt Coletta klar. “Für uns ist es entscheidend, die Möglichkeit zu haben, das Auto selbst zu bauen. Wenn wir das Auto zu 100 Prozent selbst entwickeln können, werden wir sehen, ob es gar keine BoP mehr gibt oder nur noch eine sehr geringe. Die Diskussion ist sehr kompliziert und völlig offen.”
Ferrari war in Le Mans 2026 völlig chancenlos
Foto: Rainier Ehrhardt
“Heute erleben wir ein ständiges Auf und Ab bei der BoP”, erklärt er. “Wenn der Eingriff nur einen kleinen Prozentsatz ausmacht, könnte das eine Lösung sein. Wir brauchen einen marginalen Eingriff, nicht viel. Unsere Idee ist es, das System komplett abzuschaffen oder eben nur einen ganz kleinen Anteil zu haben.”
Beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans präsentierte die WEC im Juni einen ersten Entwurf für die Hypercar-Zukunft ab 2030. Dieser sieht vor, dass Hersteller ihre Chassis und Antriebe selbst entwickeln oder von externen Lieferanten beziehen können. Die BoP soll jedoch weiter enthalten bleiben.
Zudem soll der Allradantrieb verboten werden, der bisher ein zentrales Element der LMH-Autos ist. Toyota hatte sich bereits kritisch zu dieser geplanten Änderung geäußert. Ferrari würde es zwar ebenfalls bevorzugen, weiterhin mit Allradantrieb zu starten, verschließt sich der geplanten Richtung zum Hinterradantrieb aber nicht.
“Unsere Vorstellung ist, dass die Langstrecke eine gute Chance bietet, Fahrzeugkomponenten zu testen und gute Ideen in die Serienfahrzeuge zu übertragen”, betont Coletta. “Heute ist moderner Allradantrieb im Bereich von Elektro- und Hybridfahrzeugen die Zukunft.”
“Für Ferrari wäre der Allradantrieb vermutlich das Beste”, räumt er ein. “Aber abgesehen von Ferrari und zwei weiteren Herstellern ist das für den Rest nicht von Interesse. Es ist klar, dass es kompliziert würde, den Allradantrieb beizubehalten.”
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