Abgesehen vom heftigen Sturz von Francesco Bagnaia, der im Sprint des MotoGP-Wochenendes in Katar zu einem Abbruch und Neustart führte, war die Kollision im Kampf um die Führung zwischen Marc Marquez und Marco Bezzecchi der große Aufreger am Samstag in Lusail.
Nach dem Neustart infolge des Bagnaia-Sturzes betrug die Sprint-Distanz nur noch 10 statt 11 Runden. Hatte Polesetter Bezzecchi das Feld vor der Unterbrechung schon mit einem kleinen Vorsprung auf Marquez angeführt, so sah es nach dem Neustart anders aus. Marquez lag an der Spitze und wurde eingangs der vierten Runde von Bezzecchi attackiert.
Bezzecchi und Marquez schildern ihre Sicht auf die Kollision
Bei dieser Szene am Ende der langen Start/Ziel-Gerade fuhr Marquez außen, Bezzecchi innen. Im Bemühen, vorne zu bleiben, setzte Marquez seinen Bremspunkt extrem spät und fuhr eine weite Linie durch die nach rechts gehende Kurve 1. Bezzecchi sah innen eine Lücke und stach sofort hinein.
Diese Lücke aber wurde zusehends kleiner. Denn weil die folgende Kurve 2 eine Linkskurve ist, war Marquez’ Linie so, dass er nach rechts herüberkam. Dort befand sich Bezzecchi. Es kam zur Kollision der beiden, wobei Bezzecchi mit seiner Aprilia stürzte und Marquez zwar kurz aus dem Sitz seiner Ducati gehoben wurde, die Fahrt aber fortsetzte.
Für Bezzecchi war der Sprint an Ort und Stelle gelaufen. Der Italiener schildert die Szene aus seiner Sicht: “Ich habe versucht, meine Linie zu fahren. Ich war innen und nur eine Sekunde später lag ich schon auf dem Boden. So etwas kann passieren.”
“Ich will mich jetzt gar nicht aufregen, denn das würde mir nur meine Energie rauben für nichts. Es ist außerhalb meiner Kontrolle. Wichtig ist jetzt, dass ich mich auf das morgige Rennen fokussiere”, so Bezzecchi.
Marquez’ Sichtweise steht der Sichtweise von Bezzecchi nicht komplett entgegen. Der Ducati-Pilot beschreibt: “Für mich es klar. Wenn man sich die Aufnahmen aus dem Hubschrauber ansieht, stellt man fest, dass ich Kurve 1 immer exakt gleich gefahren bin. In dieser Runde und auch in den folgenden Runden bin ich immer ein bisschen weiter außen gefahren, um dann den Bogen abzuschließen. Das ist mein Stil, den ich immer so fahre.”
Als Bezzecchi gefragt wird, ob er Marquez unmittelbar vor der Kollision überhaupt sehen konnte, antwortet der Aprilia-Pilot: “Nein, nein. Sehen konnte ich ihn nicht.” Die MotoGP-Rennkommissare untersuchten den Zwischenfall noch während des laufenden Sprints und sind zum Schluss gekommen, dass es sich um einen Rennunfall handelte. Strafen wurde keine ausgesprochen.
Marquez erklärt, warum er die Führung kurz an Martin verlor
Marquez wurde ein paar Kurven nach der Kollision mit Bezzecchi von dessen Aprilia-Teamkollege Jorge Martin attackiert. Diesem gelang es im Bereich der Kurven 5 und 6 tatsächlich, für kurze Zeit die Führung zu übernehmen, bevor Marquez sofort konterte und die Spitzenposition anschließend nicht mehr abgab.
Dass er Martin ganz kurz passieren lassen musste, das hatte einen Grund, wie Marquez verrät: “Beim Zwischenfall [mit Bezzecchi] löste mein Airbag aus. Somit konnte ich das Motorrad drei, vier Kurven lang nicht richtig fahren.”
“Ich habe kurzzeitig die Konzentration verloren, weil ich nicht klar sehen konnte. Martin kam dann an einer Stelle vorbei, an der ich überhaupt nicht mit ihm gerechnet hatte. Da dachte ich mir nur: Okay, jetzt nochmal richtig angreifen”, so Marquez.
Nach Kollision mit Bezzecchi und kurzer Störphase fuhr Marquez zum Sprint-Sieg
Foto: Gold and Goose Photography / Getty Images
Ins Ziel kam Marquez nach 10 Runden als Sieger. Und weil der von P11 nach vorn gestürmte Martin in der letzten Runde von Fabio Di Giannantonio (VR46-Ducati) vom zweiten auf den dritten Platz verdrängt wurde, hat Marquez vor dem Grand Prix von Katar am Sonntag nun 49 Punkte Vorsprung auf Martin. Das heißt, dass der siebenmalige und amtierende MotoGP-Weltmeister seinen ersten Matchball zum Titelgewinn 2026 hat.
Marquez kann WM-Titel am Sonntag holen, glaubt aber nicht daran
Verwandeln würde Marquez diesen ersten Matchball am Sonntag aber einzig mit einem erneuten Sieg bei einer gleichzeitigen Nullnummer von Martin. Jedes andere Ergebnis im 22-Runden-Rennen in Lusail hätte zur Folge, dass die WM-Entscheidung zwischen den beiden auf das Portugal-Wochenende in Portimao (21./22. November) vertagt wird.
Marco Bezzecchi hat mit aktuell 79 Punkten Rückstand auf Marquez nur noch theoretische Titelchancen. Gelingt es dem Italiener am Sonntag nicht, mindestens sechs Punkte auf Marquez aufzuholen, ist er aus dem Titelkampf raus. Abhängig von den Ergebnissen von Marquez und Martin am Sonntag entscheidet sich, ob der WM-Traum auch für Martin schon in Katar platzt oder doch noch nicht.
Marquez hat Hoffnung, aber nicht Glaube, dass er schon Sonntag Weltmeister wird
Foto: Mahmud Hams / AFP via Getty Images
Marc Marquez hat nach dem Sprint am Samstagabend schon eine Vorahnung, wie der Grand Prix am Sonntagabend laufen könnte: “Wenn morgen nichts passiert, wird Marco gewinnen, ganz einfach, weil er schneller ist als alle anderen. Meine Zielsetzung wird dann ‘Diggia’ sein, der ebenfalls sehr schnell ist. Dann kommen Raul [Fernandez], Ogura und Martin, die zu dritt ebenfalls mitkämpfen werden.”
Abschließend unterstreicht Marquez noch, dass er nicht mit einer vorzeitigen WM-Entscheidung am Sonntag rechnet: “Morgen wird es nicht passieren. Weder werde ich gewinnen noch wird Martin ohne Punkte bleiben. Nun, ich hoffe, es würde so kommen, aber es wird nicht so kommen. Ich muss einfach geduldig bleiben, Schritt für Schritt. Ich darf nicht versuchen, drei Sprossen auf einmal zu erklimmen.”
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