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Deutsche Gasförderung: Frack, baby, frack!

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Eine eigene deutsche Gasförderung? Unter Niedersachsen liegt ja einiges. Aber keine Sorge, wird nicht passieren. Warum nicht? Fragen Sie mal Timmy, den Wal.

Die britische Labour-Partei ist der deutschen Sozialdemokratie vielleicht nicht in den Umfragen voraus. Aber dafür in der Selbsthinterfragung. Für die Regierung in London erscheint zumindest gerade das Ende eines Dogmas in der Energiepolitik erreicht.

Bisher hatte sie die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder in der Nordsee kategorisch ausgeschlossen. Nun sagt die Finanzministerin Rachel Reeves, das Anbohren von Feldern vor der Küste Schottlands sei der »schnellste Weg«, die Versorgung des Landes zu verbessern. Sie regt an, nicht nur bereits lizenzierte Felder weiter auszubeuten als bisher geplant. Sie schließt auch nicht aus, neue Vorkommen zu erschließen. Gegen beides hatte sich vor allem der Umweltminister Ed Miliband immer wieder heftig gewehrt. Das Ziel der CO₂-Neutralität sei wichtiger als die vermutlich geringen Preissenkungen, die eine zusätzliche Fossilen-Förderung bringen würde. Schließlich würden Öl und Gas global gehandelt, die Auswirkungen einer erhöhten britischen Produktion wären daher minimal.

Nur, genau dieses Argument würde Miliband beim Klimaschutz niemals gelten lassen. Laut Regierungsangaben beträgt der Anteil Großbritanniens am globalen CO₂-Ausstoß gerade einmal ein Prozent. Wenig – aber wichtig, heißt es immer. Warum gilt das nicht auch dann, wenn es um Preiseffekte geht? Außerdem hätten national gefördertes Öl und Gas einen geringeren CO₂-Fußabdruck als Importe, die per Tanker um die halbe Welt geschifft werden. Hinzu kämen neue Jobs und Steuereinnahmen, die dringend benötigte volkswirtschaftliche Vorteile brächten.

Erdgas-Förderung im niedersächsischen Goldenstedt

Um die Angelegenheit auch auf Deutschland zu beziehen: Wenn Fossile noch für einige Jahre oder Jahrzehnte Teil des Energiemixes bleiben müssen – was spricht dann gegen möglichst viel nationale Förderung? Könnte man so nicht Preisschocks wie die durch die Hormus-Seeblockade ebenso abmildern wie zusätzliche Klimaschäden durch unnötige Transporte? Warum, mit anderen Worten, zieht Deutschland nicht ähnliche Konsequenzen und frackt das Erdgas, das unter Niedersachsen liegt? Es sind gewaltige Reserven, die Deutschland laut Schätzungen 20 Jahre lang versorgen könnten. Nichts da, sagt die SPD sowohl im Bund als auch im Land. Sie lehnt Fracking ab, und sie sieht in der Sache auch »aktuell keinen Änderungsbedarf«.

Über Seltene Erden reden wir lieber gar nicht erst

Die Antwort auf all die Warums liegt in Timmy, dem Wal. Genauer gesagt in dem psychologischen Bedürfnis, für das die Bemühungen um seine Fortbewegung stehen. Gerettet wird mit der neuesten geplanten Hebeaktion ja höchstwahrscheinlich und tragischerweise nicht der Wal (dem damit laut Gutachtern mehr Qual als Hilfe angetan wird), sondern vor allem das Gewissen der vermeintlichen Retter.

Deutsche Gasförderung: Demonstration für die Rettung des Buckelwals bei Weitendorf-Hof auf Poel

Demonstration für die Rettung des Buckelwals bei Weitendorf-Hof auf Poel

Das Timmy-Lifting ist deshalb ein Realsymbol für das Nimby-Prinzip: Wenn schon schlimme Dinge passieren müssen, dann bitte not in my backyard, sondern außerhalb der eigenen Wahrnehmungszone. Ein sterbender Wal, die Förderung von Gestern-Energien – wir begehren, nicht örtlich schuldig zu sein. Das ist beim Fracking-Gas so, das der Deutsche lieber per LNG-Tanker aus den USA bezieht, obwohl es hierzulande mit weniger Umweltschäden gefördert werden könnte. Das ist beim Stahl so, den wir lieber aus dreckiger chinesischer oder indischer Produktion beziehen statt aus heimischer. Und von den Seltenen Erden, die im Computer oder im Handy stecken, auf dem Sie das hier lesen, reden wir lieber gar nicht erst.

Aber klar, wenn die SPD den Wal, pardon, die Wahl hat zwischen einer Politik, die der Umwelt vergleichsweise ebenso nutzen würde wie dem Industriestandort Deutschland und, Obacht, wütenden Social-Media-Clips von Luisa Neubauer, dann wird die Wahl halt eng. Tragisch, in der Tat.

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