Kurz vor dem Urlaub kann man jetzt schnell noch ausgezeichnete
Lektüre in den Koffer packen, die zugleich ein sehr unterhaltsamer Pageturner
ist, der auch am Strand funktioniert. Denn heute Abend wurde in der Hamburger
Elbphilharmonie wie jedes Jahr im Juni der Deutsche Sachbuchpreis vergeben – und gewonnen hat
ihn der Wirtschaftsjournalist Konstantin Richter mit seinem Buch »Dreihundert Männer. Aufstieg
und Fall der Deutschland AG«, erschienen im Suhrkamp Verlag. Und wer bei
Wirtschaft jetzt gelangweilt oder überfordert wegklickt, der verpasst eine aufregende
Geschichte. Denn Richter folgt dem Großtrend des erzählerischen Sachbuchs: Die
vergangenen 150 Jahre deutsche Ökonomie werden von ihm nicht entlang trockener
Strukturen erzählt, auch nicht mit schwerem theoretischen Geschütz, sondern
packend anhand von einzelnen Akteuren, von den Gründergestalten Krupp und Siemens bis zu jenen des 21. Jahrhunderts mit ihren menschlichen Dramen, Erfindungen,
Eingebungen, Krisen und Verrücktheiten – und zwar sehr viel Verrücktheiten, um
genau zu sein. Das Absurde steckt eben oft hinter Entscheidungen großer wirtschaftlicher
Tragweite, so Richters moralische Lehre, er schildert eine menschliche Komödie
für Nichtökonomen. Wobei der Autor die Sache keineswegs kapitalismuskritisch angeht. Seine Geschichte ist trotz aller analytisch cool präsentierten Abgründigkeiten
eine neutrale Faszinationsgeschichte, eher ungewöhnlich für den traditionell kapitalismuskritischen
Suhrkamp Verlag.
Der Titel »Dreihundert Männer« steht dabei für das mächtige und patriarchale,
weil vollkommen männliche Netzwerk, das über mehrere Generationen hinweg in
Rivalitäten, Konkurrenz und diversen Schlachten das deutsche ökonomische
Schicksal bestimmt hat – bis es dann in der Globalisierung zermalmt wurde. Und
während wir gerade mittendrin in der nächsten technologischen Revolution stecken,
kommt bei der Lektüre dieses Buches unwillkürlich Nostalgie auf: Wird der
menschliche Faktor, der hier noch einmal auch für die angeblich so kalte,
berechnende Wirtschaft seinen großen Auftritt hat, wird der nicht vielleicht
rasend schnell ganz und gar verschwinden, wenn Künstliche Intelligenz die Ökonomie
künftig total steuert?
Insofern kann man diese Preisentscheidung auch als ein kleines
Aufbäumen, als ein Plädoyer für den menschlichen Geist mit all seinen Macken interpretieren.
Jurysprecher Pascal Mathéus von der Hamburger Buchhandlung Wassermann erinnerte
jedenfalls in der Elbphilharmonie an die Gefahren durch die KI, die momentan
dem Sachbuchmarkt drohen, weil KI-generierte Sachbücher massenhaft im Netz
verfügbar sind, bei diffuser bis fragwürdiger oder fehlender Qualitätskontrolle.
Dieses Jahr war die Auswahl besonders schwer
Konstantin Richter jedenfalls setzte sich gegen starke
Qualität durch. Nachdem im vergangenen Jahr mit Ulli Lusts fulminantem Sachcomic
»Die Frau als Mensch« (reprodukt) erstmals eine Graphic Novel einen der großen Buchpreise
des Landes gewonnen hatte, würde es diesmal wieder etwas weniger sensationell zugehen,
soviel war angesichts der Shortlist mit acht klassischen Titeln klar. Was
allerdings die Sache keinesfalls vereinfacht haben dürfte, im Gegenteil: In
diesem Jahr war die Auswahl besonders schwer. Denn unter den 212 nominierten
Büchern der Erscheinungsjahr 2025/2026 hatte die Jury diesmal acht im Grunde ähnlich
starke Bücher, jedoch aus ganz unterschiedlichen Richtungen zu unterschiedlichen
Themen ausgewählt, klare Favoriten hätte man vorher kaum benennen können.
Da
war neben Richter Tilmann Lahmes vieldiskutierte Thomas Mann-Biographie (dtv),
Heike Behrends kluges Buch über den seltsamen deutschen Guru und Aussteiger Gustaf
Nagel Anfang des 20. Jahrhunderts in Sachsen-Anhalt (Matthes & Seitz),
Florence Gaubs »Szenario«, in dem sie versucht, der ungewissen Zukunft der globalen
Zivilisation strategisch auf die Spur zu kommen (dtv), die Erinnerungen »Der
Schlüssel würde noch passen« (Droemer) von Irina Scherbakowa, der russischen
Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial, Bettina
Schöne-Seiferts erhellende medizinethische Überlegungen zu Krankheit und Sterben
unter dem Titel »Leben Körper Tod«(Wallstein), Robert Simanowskis »Sprachmaschinen«,
ein philosophischer Versuch über Künstliche Intelligenz (C.H.Beck) oder Ronen
Steinkes Plädoyer für die engagierte Verteidigung der gefährdeten Meinungsfreiheit
(Berlin Verlag).
Was bedeutet nun angesichts dieser Vielfalt die diesjährige Preisvergabe für die »Dreihundert Männer«? Zunächst einmal eine Feier der Qualität, denn mitnichten wurde hier das Interessante und Neue, das erzählerisch Überzeugende auf dem Altar von Popularität oder Polemik geopfert – beides ja Genres, die den Sachbuchmarkt in den vergangenen Jahren zu dominieren schienen, im zunehmend verzweifelten Abwehrkampf der Verlage gegen sinkende Absatzzahlen ihrer Bücher.
Zum anderen geht der Preis erneut an ein erzählendes Sachbuch, das sich literarischer Elemente bedient, einer der wichtigsten Trends auf dem Sachbuchmarkt: Bereits im März gewann zum Beispiel den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch die Historikerin Marie-Janine Calic mit ihrem Buch »Balkan-Odyssee« – hier wird die Fluchtgeschichte vor den Nazis über Südosteuropa ebenfalls stark szenisch-literarisch erzählt.
Die mächtige Tradition der historischen Stoffe
Eine Überraschung bot dieser Abend dann doch: Auch in seiner 6. Ausgabe wurde beim Deutschen Sachbuchpreis mit Kontantin Richters »Dreihundert Männern« wieder ein Buch ausgezeichnet, das den Blick in die Vergangenheit wirft. Gegenwart und Zukunft blieben jedenfalls wieder außen, jedenfalls wenn man oberflächlich nur auf die Stoffe schaut. In den vergangenen Jahren war das genauso, von Jürgen Kaubes »Hegels Welt« 2021 bis zu Ulli Lust im vergangenen Jahr. Die mächtige Tradition der gut erzählten historischen Stoffe, ja vielleicht überhaupt des historischen Blicks hierzulande, die scheint in den Jurys ungebrochen zu wirken – und beim Lesepublikum. Vielleicht ist das aber auch ein Ansporn für Autorinnen und Autoren in anderen Wissensfeldern, an ihrer Erzählweisen weiter zu feilen.
Bei alledem aber bleibt das deutsche Sachbuch jenes »eigenartige Ding«, von dem Sebastian Guggolz, der Vorsteher des Börsenvereins, an diesem Abend sprach: faszinierend mehrdeutige, mehr oder minder Non-Fiction, die günstigenfalls beim Lesen jene Reflexionsräume eröffnet, in denen dann urplötzlich Fragen auftauchen, die man sich noch nie gestellt hat. Und das kann dann auch am Strand passieren.
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