Niedrigwasser dominiert derzeit die Situation in vielen rheinland-pfälzischen Gewässern. Während die großen Flüsse extrem wenig Wasser führen, trocknen kleinere Bäche stellenweise vollständig aus oder zerfallen in einzelne Tümpel. Für Fische entsteht dadurch eine lebensgefährliche Kombination aus Hitze, Sauerstoffmangel und konzentrierten Schadstoffen.
Besonders angespannt ist die Lage nach Einschätzung des Landesfischereiverbands Rheinland-Pfalz in kleineren und mittleren Nebenflüssen von Rhein, Mosel, Lahn und Nahe. Dort komme es bereits zu Fischsterben und lokalen ökologischen Kollapsen, sagt der Diplom-Geograf und Gewässerökologe Frank Steinmann. Dabei könnten ganze Jahrgänge und Bestände empfindlicher Arten verloren gehen.
Warum ist wenig Wasser für Fische so gefährlich?
Eine geringe Wassermenge erwärmt sich schneller. Gleichzeitig kann warmes Wasser weniger Sauerstoff aufnehmen. Für die Fische verschärft sich damit die Lage: Während ihnen weniger Sauerstoff zur Verfügung steht, steigt bei hohen Temperaturen ihr Bedarf.
Nimmt auch die Strömung ab, gelangt zusätzlich weniger Sauerstoff ins Wasser. Stauhaltungen durch Wehre verstärken Steinmann zufolge diesen Effekt. In Abschnitten von Lahn und Nahe, die ohnehin nur geringe Fließgeschwindigkeiten aufwiesen, könne sich das Wasser besonders schnell erwärmen.
Bei Niedrigwasser geht zudem die Verdünnungskraft des Gewässers verloren. Nährstoffe, Arzneimittelrückstände und andere Spurenstoffe aus Kläranlagen verteilen sich auf eine deutlich kleinere Wassermenge. «Genau dieses Zusammenspiel mehrerer Stressfaktoren – Hitze, Sauerstoffmangel, Schadstoffe – bringt die Ökosysteme derzeit zum Kippen», sagt Steinmann.
Welche Fischarten sind besonders betroffen?
Besonders empfindlich reagieren kälteliebende und sauerstoffbedürftige Arten wie Bachforelle und Äsche. Auch die Jungfische des Atlantischen Lachses wachsen in kühlen Nebenflüssen von Rhein, Mosel und Nahe auf.
Kleinere Bäche sind für viele Arten Rückzugs-, Laich- und Aufwuchsgebiete. Fallen diese Gewässerabschnitte aus, kann das deshalb auch die Fischbestände der größeren Flüsse beeinträchtigen. In heißen Sommern suchten zudem vermehrt Karpfenartige Fische wie Rotauge, Döbel und Hasel die kühleren Nebenbäche auf, berichtet Steinmann.
Nach seinen Angaben sind inzwischen auch Hechte von hitzebedingten Verlusten betroffen. Vor allem große Tiere in flachen Seen, Teichen und Weihern litten unter Sauerstoffmangel. Auch der Hecht gilt als kälteliebende Art.
Können Fische in Resttümpeln überleben?
Wenn Bäche austrocknen, bleiben häufig einzelne Vertiefungen mit Wasser zurück. Eine dauerhafte Zuflucht bieten solche Gumpen nach Einschätzung des Experten aber nicht. Sie erwärmen sich rasch und werden zu sauerstoffarmen Hitzefallen.
Zudem drängen sich dort viele Tiere auf engem Raum. Das erhöhe den Stress und mache die Fische zu leichter Beute für Reiher oder Waschbären. «Gumpen retten allenfalls Einzelindividuen, keine Bestände», sagt Steinmann.
Hilft der nächste ausgiebige Regen?
Ein wieder gefülltes Bachbett ist nach Steinmanns Einschätzung noch kein wiederhergestelltes Ökosystem. Wiederkehrende Dürren könnten Populationen und deren genetische Vielfalt dauerhaft zerstören. Die Rückkehr von Fischen und Kleinlebewesen dauere häufig viele Jahre – sofern in benachbarten Gewässern überhaupt noch ausreichend Tiere überlebt hätten.
Die niedrigen Wasserstände seien zudem nicht allein Folge der aktuellen Hitze. Es fehlten zunehmend länger anhaltende Regenfälle im Winter und die Schneeschmelze in den Mittelgebirgen. Dadurch werde weniger Grundwasser neu gebildet. Geht dessen kühlender Zustrom zurück, fehlt den Bächen im Sommer ihr Basisabfluss.
Was kann die Gewässer widerstandsfähiger machen?
Der Landesfischereiverband fordert, mehr Wasser in der Landschaft zu halten und Auen sowie Auwälder wiederherzustellen. Breitere Gehölzstreifen könnten die Gewässer beschatten und ihre Erwärmung bremsen.
Zudem sollten entbehrliche Wehre und ökologisch unrentable Kleinstwasserkraftanlagen zurückgebaut werden. Dadurch könnten Fische wieder Rückzugs- und Laichgebiete erreichen. Auch Einleitungen aus Kläranlagen und Regenüberläufen müssten stärker auf Niedrigwasserphasen ausgerichtet werden.
Ohne solche Verbesserungen treffe der zunehmende Hitzestress weiterhin auf bereits geschwächte Flüsse und Bäche, warnt Steinmann.
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