Der Entschluss von Yamaha, nicht am MotoGP-Grand-Prix von Katar teilzunehmen, ist der weitreichendste Schritt, aber keineswegs der einzige, den Teams und Fahrer unternommen haben, um ihre Ankunft in Doha so weit wie möglich hinauszuzögern.
Der Sonntag war in Sepang ein Renntag, und das nicht nur auf der Strecke. Im Fahrerlager des malaysischen Kurses jagte ein Treffen das nächste. Im Hintergrund wurde viel über die Durchführung des Katar-Rennens diskutiert.
Am Sonntagvormittag kamen die Teammanager um 11 Uhr mit den Führungskräften der MotoGP Sports Entertainment Group (MotoGP SEG), dem Promoter der Meisterschaft, zusammen.
Anschließend berieten sich die Teams auch untereinander, um die Positionen der einzelnen Parteien auszuloten. Die Fahrer ihrerseits hatten der MotoGP SEG eine Frist bis 16 Uhr gesetzt.
Bis dahin sollte sich der Promoter bereit erklären, im Falle einer Eskalation der Feindseligkeiten im Nahen Osten die volle Verantwortung zu übernehmen. Diese Bedingung, an die sie ihre Zusage für eine Reise nach Katar geknüpft hatten, wurde nicht erfüllt.
Nur Jack Miller sprach offen die Sorgen der Fahrer aus
Dennoch wagte es einzig Jack Miller, die Entscheidung der Meisterschaft offen zu kritisieren, die Beteiligten zur Reise in eine Region zu zwingen, die dem bewaffneten Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran ausgesetzt ist.
“Ich will da nicht hin, genau wie alle anderen auch”, sagte Miller. “Es gibt 19 von uns, die nicht dorthin reisen wollen. Ich glaube nicht, dass wir unter solchen Bedingungen Rennen fahren sollten. Wir haben unsere Meinung dazu sehr deutlich gemacht.”
“Als Fahrer haben wir zusammengehalten und mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, unser Bestes getan und die nötigen Hebel in Bewegung gesetzt. Nicht nur für uns als Fahrer, sondern auch für alle anderen Beschäftigten hier.”
“Wenn man mit der Hälfte des Fahrerlagers spricht: Niemand will dorthin. Ich verstehe nicht, warum wir das tun müssen. Ich begreife es einfach nicht. Im Moment herrscht dort Sicherheit.”
Jack Miller fand am Sonntag offene Worte zur Situation
Foto: Gold & Goose Photography/Getty Images
“Ich mag Katar sehr, aber die umliegende Region ist das Problem, das wir haben. Leider gibt es bei den Nachbarn erhebliche Konflikte. Es herrscht dort viel zu viel Ungewissheit, um einfach hinzugehen und ein globales Großevent auszutragen.”
“Wir verheimlichen schließlich nicht, dass wir um 10:55 Uhr auf das Motorrad steigen. Wir machen weder aus unserem Aufenthaltsort noch aus der genauen Uhrzeit ein Geheimnis.”
“Wenn jemand ein Exempel statuieren oder was auch immer tun will … Der entscheidende Punkt für uns als Fahrer ist die Haftung. Irgendjemand muss die Verantwortung übernehmen”, betonte Miller.
“Wenn ihr wollt, dass wir dorthin fliegen, dann unterschreibt dafür mit eurem Namen. Ich halte es nicht für übertrieben, genau das zu verlangen. Eine Versicherung ist die eine Sache.”
“Und dass sie vom Staat Katar kommt, ist eine enorme Unterstützung, nicht nur für uns Fahrer, sondern für jeden, der dort vor Ort arbeitet. Glaubt ihr wirklich, dass es sicher ist und wir dort sein sollten? Dann bürgt dafür mit eurem Namen.”
Eskalation zwischen Yamaha und der Meisterschaft
Das Gewicht von Millers Aussagen rückte jedoch durch eine Mitteilung in den Hintergrund, die Yamaha wenige Minuten nach 18 Uhr (Ortszeit Malaysia) veröffentlichte.
Darin gab das japanische Unternehmen bekannt, seinen Mitarbeitern die Reise nach Katar zu untersagen, da man keine “ausreichenden Gründe” erhalten habe, von den internen Richtlinien abzuweichen, die Entsendungen in ein Konfliktgebiet verbieten.
Die Erklärung löste beim MotoGP-Management erhebliche Verärgerung aus. Nur Stunden zuvor hatte die MotoGP SEG ein Schreiben an alle Teams verschickt und darin erneut betont, dass kein triftiger Grund vorliege, nicht nach Katar zu reisen.
Carmelo Ezpeleta schickte an alle Teams ein Schreiben
Foto: Gold & Goose Photography/Getty Images
In dem von MotoGP-CEO Carmelo Ezpeleta unterzeichneten Schreiben hieß es zudem, die von Katar bereitgestellte Summe zur Aufstockung der bestehenden Versicherungspolicen sei erheblich höher als bei jedem anderen Saisonrennen.
Abschließend pochte Ezpeleta darauf, dass Teams und Fahrer ihren vertraglichen Pflichten nachkommen, verbunden mit einer deutlichen Warnung:
“Die MotoGP Group erwartet von allen Beteiligten, einschließlich Teams und Fahrern, dass sie ihren vertraglichen sowie reglementarischen Verpflichtungen vollumfänglich nachkommen und in bester Absicht handeln.”
“Jedes Fernbleiben könnte sich negativ auf die Meisterschaft, die MotoGP Group, die FIM, den Promoter, TV-Partner, Sponsoren, Wirtschaftspartner, Zuschauer und weitere Beteiligte der MotoGP auswirken.”
Wackelkandidaten und logistisches Chaos
Spät am Sonntagabend drehte sich eine der meist diskutierten Fragen darum, welche Strafe Yamaha drohen könnte. Der japanische Hersteller zählt zu den Grundpfeilern der Meisterschaft.
Gleichzeitig wiegt der Bruch in den Augen des Promoters schwer, weshalb dieser mit Sicherheit ein Exempel statuieren möchte, um eine Wiederholung zu verhindern. Die Fahrer sind ebenfalls gewarnt.
Sollten sie nicht antreten, schwebt das Damoklesschwert finanzieller und sportlicher Sanktionen über ihnen. Dennoch könnten sich fünf der 22 Stammfahrer den vier bereits von Yamaha bestätigten Ausfällen anschließen.
Bleiben verletzte Fahrer wie Jorge Martin zu Hause?
Foto: Qian Jun/MB Media/Getty Images
Mehrere hätten triftige Gründe für ihr Fernbleiben. Abgesehen von Alex Marquez, der bereits angekündigt hat, wegen einer Operation an der rechten Schulter nicht in Katar anzutreten, könnten auch Jorge Martin und Raul Fernandez ohne Strafe zu Hause bleiben, nachdem beide verletzungsbedingt bereits in Sepang gefehlt hatten.
Der Fall von Aprilia-Werksfahrer Martin wiegt besonders schwer: Ein Verzicht auf Katar würde den WM-Titel praktisch Marc Marquez überlassen, der an der Spitze der Gesamtwertung 44 Punkte Vorsprung auf ihn hat.
Joan Mir musste in Sepang aufgeben, weil wieder Sehstörungen und Schwindelgefühle auftraten. Er wurde von den Rennärzten zwar nicht für fahruntauglich erklärt, will sich aber in Spanien erneut ärztlich behandeln lassen.
Hinzu kommt Fermin Aldeguer, der die vergangenen beiden Rennwochenenden wegen eines in Indonesien erlittenen Bruchs der rechten Hand verpasst hat und sich ebenfalls darauf berufen kann, noch nicht vollständig genesen zu sein.
Während weite Teile des Fahrerlagers den Anstand und den Mut von Yamaha bewundern, herrscht mit Blick auf die Entwicklungen der nächsten Stunden erhebliche Ungewissheit.
Das trifft insbesondere auf die US-Zwischenwahlen an diesem Dienstag zu. Wer die Möglichkeit dazu hatte, änderte seine Flugpläne, um so spät wie möglich in Doha zu landen.
Mehrere Fahrer haben bereits angekündigt, erst am Donnerstagnachmittag anzureisen, woraufhin die Organisation den Beginn der offiziellen Pressekonferenz um vier Stunden auf 20 Uhr (Ortszeit) verlegen musste.
Honda buchte beispielsweise die Reiserouten der japanischen Ingenieure um: Ursprünglich sollten sie direkt von Malaysia nach Katar fliegen, nun legen sie kurzfristig einen Zwischenstopp in Japan ein.
Wie sich die Teams vor Ort organisieren, bleibt ohnehin abzuwarten, vor allem jene, die ihren Mitarbeitern freigestellt haben, die Reise nicht anzutreten. Einigen Rennställen ist es gelungen, ihr Personal umzustrukturieren und die Ausfälle durch Schichten abzufedern, anderen nicht. Letztere werden das Arbeitspensum der fehlenden Mitarbeiter auf jene verteilen, die sich bereit erklärt haben, beim Grand Prix an der Strecke zu sein.
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