Um es mit den Worten der beeindruckenden Lady Bracknell aus Oscar Wildes “The Importance of Being Earnest” frei zu formulieren: Eine hundertprozentige Chance einmal zu vergeben, kann man als Pech betrachten. Sie zweimal zu vergeben, sieht nach Nachlässigkeit aus.
Was Oscar Wilde wohl davon gehalten hätte, dass Ferrari in dieser Saison immer wieder durch die Disziplinlosigkeit seiner Fahrer mögliche Rennerfolge verspielt, darüber können wir nur spekulieren.
In Mexiko-Stadt hatte Ferrari die beste Siegchance seit Langem. Lewis Hamilton startete von seiner ersten Poleposition für die Scuderia. Nach einer Reihe von Rennen, in denen es dem Team nicht gelungen war, seine starke Trainingspace in entsprechende Qualifyingergebnisse umzusetzen, waren das vielversprechende Vorzeichen für den Sonntag. Zumal Charles Leclerc von Platz drei ins Rennen ging.
Nach den Diskussionen über Teamorder in Zandvoort und in Singapur, als Hamilton und Leclerc unterschiedliche Strategien verfolgten, sowie dem unnötigen Positionskampf in Monza, bei dem Hamilton am Ausgang der ersten Schikane Zeit verlor, hätte man eigentlich erwartet, dass von oben eine klare Anweisung kommt, eine ähnliche Situation nicht noch einmal zu vermasseln. Aber darüber können wir nur spekulieren.
Vielleicht war es ja die dünnere Luft auf 2.200 Metern über dem Meeresspiegel, die den Sauerstoffhaushalt beeinträchtigte, als Hamilton und Leclerc in der ersten Runde von Mexiko gleichzeitig das Blut in den Kopf schoss.
Die lange Anfahrt zur ersten Kurve auf dem Autodromo Hermanos Rodriguez neutralisiert einen Großteil des Vorteils der Poleposition, weil sie den Verfolgern aus der zweiten und dritten Startreihe einen starken Windschatten ermöglicht.
Als die Mercedes-Antriebseinheit von George Russell eigenmächtig beschloss, bei der elektrischen Leistungsabgabe an die Hinterachse eine Pause einzulegen, waren es Leclerc und Max Verstappen, die nach vorne schossen und Hamilton vor Kurve 1 unter Druck setzten.
Fahrstandards am Start waren vorher Thema
Zum Verständnis der folgenden Ereignisse ist ein wenig Hintergrundwissen hilfreich: Bei der regulären Fahrerbesprechung am Freitagabend war das Verhalten in der ersten Kurvenkombination eines der zentralen Themen.
Hintergrund war das Chaos in der ersten Runde des Vorjahres, als mehrere Fahrer, darunter Max Verstappen, in Kurve 1 über die Wiese gefahren waren. Man einigte sich darauf, härtere Strafen gegen Fahrer zu verhängen, die sich in diesem Bereich und an der nächsten Engstelle der Runde unerlaubte Vorteile verschaffen.
Entsprechend bestätigten die Rennkommissare dies in einem am Samstagabend veröffentlichten Dokument. Demnach sollten beim Start und bei allen Neustarts sämtliche Fahrer sowohl als Angreifer als auch als Verteidiger betrachtet werden. Wer in den Kurven 1 bis 3 oder 4 bis 6 die Strecke verlässt und sich dadurch einen Vorteil verschafft, muss folglich mit den üblichen Strafen rechnen.
Darüber hinaus müssen auf diese Weise gewonnene Positionen unverzüglich zurückgegeben werden: im Fall der ersten Kurvenkombination spätestens bis Kurve 4, bei einem Abkürzen der Kurven 4 bis 6 spätestens bis Kurve 12.
In der ersten Kurvenkombination wehrte Hamilton die Angriffe seines Teamkollegen bis an die Grenze des Erlaubten ab. Zunächst sah es so aus, als wolle er den anderen Ferrari auf der Außenseite ins Gras drängen. Dann überlegte er es sich offenbar anders und ließ Leclerc für Kurve 2 ausreichend Platz.
Wären die beiden an dieser Stelle kollidiert, hätte Leclerc angesichts ihrer relativen Positionen am Scheitelpunkt von Kurve 1 durchaus argumentieren können, dass ihm dieser Platz zustand.
Verstappen wartet ab – und profitiert
Der inzwischen verstorbene John Surtees gewann 1964 an diesem Schauplatz seinen einzigen Weltmeistertitel auf vier Rädern. Und er war es, der einmal bemerkte, dass es manchmal am klügsten sei, einfach abzuwarten, wenn sich zwei Fahrer vor einem bekämpfen, bis sie sich gegenseitig aus dem Rennen nehmen.
Verstappen hielt sich also zunächst zurück und beobachtete das Geschehen, bis sich die beiden Ferrari-Piloten beim Anbremsen von Kurve 4 gegenseitig ausbremsten. Hamilton musste in die Auslaufzone ausweichen und kehrte anschließend auf die Strecke zurück. Leclerc pflügte durch das Gras und kam nach Kurve 5 als Führender zurück.
Ein glasklarer Fall von Verlassen der Strecke mit anschließendem Vorteil also. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Verstappen Hamilton bereits überholt. Leclerc hätte die Position deshalb nicht zurückgeben können, ohne gleichzeitig auch Max vorbeizulassen.
Die einzige verbleibende Möglichkeit bestand somit darin, weiterzufahren und zu hoffen, einen ausreichend großen Vorsprung herauszuarbeiten, um die Folgen der zu erwartenden Strafe auszugleichen.
Einige kritisierten, dass Leclerc lediglich eine Fünf-Sekunden-Strafe statt einer Zehn-Sekunden-Strafe erhielt. Doch wie die Rennkommissare treffend feststellten, hatten sich weder Hamilton noch Leclerc überhaupt eine realistische Chance gelassen, die Kurve regulär zu durchfahren.
Also: Schlecht für beide.
Hamilton-Kritik in der Pressekonferenz
Hamilton wetterte am Funk gegen die Entscheidung und behauptete, die Rennkommissare hätten Leclerc den Sieg praktisch auf dem Silbertablett serviert, weil Charles nun vom Vorteil der freien Fahrt profitierte. Seinen eigenen Anteil an seinem Niedergang schien er dabei allerdings auszublenden.
“Letztes Jahr habe ich für genau dasselbe Manöver, das er gemacht hat, eine Zehn-Sekunden-Strafe bekommen”, sagte Lewis in der Pressekonferenz nach dem Rennen. “Letztendlich hat uns genau das heute den Sieg gekostet. Und ja, ich denke, dass wir hinter den Kulissen definitiv einige ernste Gespräche führen müssen.”
“Ich glaube, das Entscheidende, woran man sich erinnern muss, und vielleicht kommt das mit dem Alter, ist, dass jede Entscheidung, die man im Auto trifft, Auswirkungen auf all die Menschen hat, die im Hintergrund für das gesamte Team arbeiten. Als Team zusammenzuarbeiten, ist also ein Teil unseres Jobs und auch Teil unseres Vertrags.”
“Wir müssen als Team zusammenarbeiten, und das hätten wir heute ganz einfach tun können. Deshalb ist es schade, dass wir den Sieg auf diese Weise verloren haben.”
“Bevor ich zu diesem Team kam, als ich noch bei Mercedes war, habe ich bei mehreren Rennen beobachtet, wie Charles und Carlos [Sainz] immer wieder gegeneinander gekämpft haben. Sie haben sich so intensiv duelliert, dass der Fahrer vor ihnen einfach davongezogen ist, obwohl die beiden Ferrari-Piloten eigentlich die Pace gehabt hätten, um zu gewinnen.”
Charles Leclerc und Lewis Hamilton kämpfen beim Rennen in Mexiko
Foto: LAT Images
“Aber es ist eine Sache, wenn so etwas auf den Plätzen vier und fünf passiert. Wenn es dagegen um die Plätze eins und zwei geht und man dadurch den Sieg verliert, ist das etwas ganz anderes.”
“Das ist ein erheblicher Unterschied. Der Kerl ist 28 Jahre alt, deshalb glaube ich nicht, dass es eine Frage des Alters ist. Ich denke, es ist eine Frage der Mentalität. Es ist dieses ‘Alles oder nichts. Entweder ich gewinne, oder keiner von uns gewinnt.’ Und so sollte es nicht sein. Unser Ziel sollte es sein, diesen Doppelsieg einzufahren.”
“Wie gesagt, es ist trotzdem ein gutes Gefühl. Wisst ihr, in Silverstone hätte ich auch völlig kamikazemäßig gegen ihn vorgehen, ihn von der Strecke drängen und uns damit den Sieg kosten können. Stattdessen war dieses Eins-zwei-Ergebnis möglich. Ich glaube, wir haben den Doppelsieg geschafft. Oder war es Platz eins und drei? Eins und drei, eins und zwei? [Es war Platz eins und drei.] Wie auch immer.”
“Ich freue mich jedenfalls für das Team, dass wir dieses Ergebnis erleben durften. Aber ich hoffe, dass wir in Zukunft auf eine bessere Situation hinarbeiten können, auf ein besseres Arbeitsklima.”
Hat Toto Wolff doch Recht?
Ist die Chemie zwischen diesen beiden Fahrern womöglich von Natur aus so explosiv, dass sie sich gegenseitig immer wieder provozieren? Wie zwei Geschwister im Grundschulalter, die sich auf einer langen Autofahrt ununterbrochen auf der Rückbank streiten?
Vielleicht sollte Teamchef Frederic Vasseur dem Beispiel von Jos Verstappen folgen und die beiden einfach am Straßenrand stehen lassen, damit sie über ihre Fehler nachdenken können.
Solange nicht beide Beteiligten die Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen, wird sich dieser Unsinn fortsetzen. Und zweifellos dürfte die Geduld in den höchsten Führungsetagen von Ferrari allmählich strapaziert werden.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, was Mercedes-Teamchef Toto Wolff anlässlich des WM-Titelgewinns von Kimi Antonelli erklärte: “Die Ära des egoistischen, rücksichtslosen Champions ist vorbei.” Antonellis Erfolg zeige, dass ein Weltmeister auch bestimmte Werte verkörpern könne.
“Das ist nicht nur etwas für junge Fahrer, sondern auch für einige ältere Leute in der Formel 1, die ständig Unfälle bauen oder sich am Funk beschweren”, schloss Wolff.
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