Jobabbau, Werkschließungen, rote Zahlen – Biontech, das Vorzeige-Unternehmen in der Corona-Pandemie, ist in unruhigem Fahrwasser. Die Gründe für die Entwicklung liegen zu einem großen Teil an der zurückgehenden Nachfrage nach Covid-19-Impfstoffen. Die strategische Ausrichtung des Mainzer Unternehmens hat sich zudem deutlich verändert in Richtung Krebsmedizin. Finanziell gibt es dafür starke Unterstützung.
Wie sind die Reaktionen auf die Standortschließungen?
Die harte Kritik am Biontech-Management reißt auch am Tag nach der Verkündung von Standortschließungen in Idar-Oberstein, Marburg, Singapur sowie Standorten vom übernommenen Tübinger Konkurrenten Curevac nicht ab. Insgesamt bis zu 1.860 Stellen stehen auf der Kippe.
In Idar-Oberstein, wo rund 440 Beschäftigte um ihren Job bangen, wird von Hiobsbotschaft und Schwächung des Wirtschaftsstandorts gesprochen. Das Werk ist auf der Herstellung für mRNA- und Zell- und Gentherapeutika in der frühen klinischen Entwicklung sowie auf der Analytik und Qualitätskontrolle für den Pfizer-BioNTech COVID-19-Impfstoff spezialisiert.
Auch in Marburg, wo etwa 540 Arbeitsplätze betroffen sind, wird verständnislos reagiert und auf die Millionen Euro öffentliche Fördermittel für Biontech verwiesen. Das Werk war 2021 während der Corona-Pandemie eröffnet worden, bis heute wird dort der Covid-19-Impfstoff hergestellt. Noch in diesem Jahr solle die letzte Charge gefertigt werden, danach stehe noch der Rückbau an.
Curevac-Gründer Ingmar Hoerr spricht gar von Täuschung. Es sei vereinbart worden, ein gemeinsames Unternehmen zu schaffen. «Und das wurde jetzt über den Haufen geschmissen. Dadurch sind alle nachweislich getäuscht worden. Die Übernahme hätte nie erfolgen dürfen.» Hoerr vermutet hinter dem Vorgehen, dass Biontech Patentstreitigkeiten mit Curevac umgehen will.
An den Curevac-Standorten einschließlich Tübingen sind 820 Stellen im Fokus. Dazu kommen 60 weitere Arbeitsplätze in Singapur, die wegfallen könnten.
Was sagt Biontech?
Das Management verweist auf eine zu geringe Auslastung, Überkapazitäten und Druck für Kosteneinsparungen. Verhandelt wird über einen teilweisen oder vollständigen Verkauf der Standorte. Optionen werden ausgelotet, lautet die offizielle Sprachreglung. Die Hoffnungen der betroffenen Standorte ruhen wegen Laboren mit hoher Qualität auf einem finanzstarken Investor, damit möglich wenige Jobs wegfallen.
Wie viele Beschäftigte hat das Biopharma-Unternehmen?
Global hat Biontech 8.4000 Menschen Mitarbeitende. Aktuell sind rund 400 Stellen ausgeschrieben, davon 90 am Unternehmenssitz in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz. Die neuen Jobs sind aber nicht in der Entwicklung und Produktion für den Covid-19-Impfstoff angesiedelt.
Was sind die Gründe für die Einschnitte?
Biontech rechnet für dieses Jahr sowohl auf dem europäischen als auch auf dem US-amerikanischen Markt mit geringeren Umsätzen aus dem Geschäft mit Covid-19-Impfstoffen. Das Unternehmen kündigte als Konsequenz an, dass die Herstellung des Covid-19-Impfstoffs künftig vollständig von den Pfizer-Standorten in Europa und Amerika abgedeckt werde. Das hat zur Folge, dass die dafür bislang genutzten Kapazitäten in Deutschland nicht mehr nötig sind.
Wie ist das Unternehmen finanziell aufgestellt?
Im ersten Quartal verbuchte Biontech einen rückläufigen Umsatz von 118,1 Millionen und einen steigenden Nettoverlust von 531,9 Millionen Euro. Für 2026 erwartet das Unternehmen Erlöse zwischen 2,0 Milliarden und 2,3 Milliarden Euro. Biontech profitiert bei seiner Zielsetzung von der milliardenschweren Kooperation mit dem US-Konzern Bristol Myers Squibb.
Für die Entwicklung eines vielversprechenden Wirkstoffkandidaten zur Behandlung von Krebs fließen insgesamt 3,5 Milliarden US-Dollar an Biontech. Diese Zahlungen sind nicht an Bedingungen geknüpft. Sie setzen sich zusammen aus einer Vorauszahlung von 1,5 Milliarden US-Dollar sowie Fortsetzungszahlungen bis 2028 von insgesamt zwei Milliarden US-Dollar.
Was sagt diese Unterstützung für die künftige Ausrichtung aus?
Biontech ist nicht mehr vorrangig als Impfstoffhersteller zu sehen. Die Mainzer sind ein Biopharma-Unternehmen, das seinen Schwerpunkt mittlerweile in der Entwicklung von Medikamente auf mRNA-Basis gegen Krebs und andere Krankheiten hat.
Alleine im ersten Quartal beliefen sich die Forschungs- und Entwicklungskosten auf 557 Millionen Euro. Nach vollständiger Umsetzung der Konsolidierung wird mit wiederkehrenden jährlichen Einsparungen von bis zu rund 500 Millionen Euro gerechnet. Das Geld soll für die Forschung, Entwicklung und Markteinführung von Medikamenten gegen Krebs eingesetzt werden. Bis 2030 wollen die Mainzer mehrere Zulassungsanträge für Onkologie-Kandidaten gestellt haben.
Wie verhält sich die Landesregierung?
Der künftige Ministerpräsident Gordon Schnieder betont, dass Rheinland-Pfalz trotz der schmerzhaften Einschnitte einer der bedeutendsten Biotechnologie- und Pharmastandorte in Deutschland ist. «Wir werden weiter dafür arbeiten, dass die Clusterbildung in Rheinland-Pfalz bleibt und keine Anstrengung auslassen, unsere Unternehmen im weltweiten Wettbewerb zu unterstützen», versicherte der CDU-Politiker. «Was wir tun können, um Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Rheinland-Pfalz zu halten und auszubauen, werden wir tun.»
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