Liebe Leserinnen und Leser,
wo fängt man an, wenn man versucht, Kimi Antonellis WM-Titel einzuordnen? Was lässt sich dazu sagen? Vielleicht beginnen wir mit den Zahlen. Dieser Triumph ist historisch. Antonelli ist nicht nur der jüngste Weltmeister der Formel-1-Geschichte. Er hat den bisherigen Rekord um mehr als drei Jahre unterboten. Und das mit einer nahezu perfekten Saison, in gerade einmal seinem zweiten Jahr in der Formel 1.
Zum jetzigen Zeitpunkt liegt er in der WM-Wertung vor zwei mehrfachen Weltmeistern, die selbst zu den herausragenden Talenten ihrer Generation gehören: Max Verstappen und Lewis Hamilton. Beide haben bei noch vier ausstehenden Rennwochenenden inzwischen auch rechnerisch keine Chance mehr, ihn einzuholen.
In fünf Jahren vom Kart zum Formel-1-Champion
Wir sprechen hier über ein außergewöhnliches Talent. Mit gerade einmal 20 Jahren und kaum fünf Jahren Erfahrung im Automobilrennsport hat Antonelli allein dank seiner herausragenden Fähigkeiten den WM-Titel gewonnen. Dabei deutet alles darauf hin, dass seine Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen ist. Das wäre bei einem Fahrer in diesem Alter auch kaum zu erwarten.
Unweigerlich wird auch über das Auto gesprochen werden. Doch die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Ein kurzer Blick auf den WM-Stand nach dem Grand Prix von Mexiko-Stadt genügt, um zu erkennen: Es liegt nicht allein an Mercedes. Antonelli ist es, der den Unterschied macht.
Hinzu kommen seine Einstellung zum Rennsport und seine Lebensweise. Wie leidenschaftlich er seinen Sport betreibt, wie konsequent er an sich arbeitet und wie es ihm gelingt, abseits des Fahrerlagers ein ganz normaler Junge zu bleiben.
Ein Weltmeister, der Mensch geblieben ist
Und dann ist da noch seine Persönlichkeit. Er ist freundlich, bescheiden, höflich, großzügig und begegnet anderen mit Respekt. Kimi Antonelli ist ein Rennfahrer, den sich jeder Teamchef nur wünschen kann, und ein Sohn, von dem wohl alle Eltern träumen.
In der verrückten Welt von heute erzählt seine Geschichte davon, dass man alles erreichen kann, was man sich vornimmt, ohne dabei seine Menschlichkeit und all diese positiven Eigenschaften zu verlieren. Es ist eine wunderbare, herzerwärmende Geschichte. Man kann ihn einfach nur mögen. Und genauso auch die Art und Weise, wie er seinen Weg geht.
Doch es ist nicht nur eine Geschichte über Talent. Es geht auch darum, wie man ein solches Talent zum Strahlen bringt.
Toto Wolff hat Antonellis Talent früh erkannt
Talent zu besitzen, ist schließlich ein Geschenk. Es zu erkennen und zur Entfaltung zu bringen, ist eine Kunst.
Und eines muss man Toto Wolff lassen: Er hat allen gezeigt, wie es geht. Die Art und Weise, wie er und das gesamte Mercedes-Team Antonellis Talent nicht nur erkannt, sondern daraus so schnell und so eindrucksvoll einen Erfolg gemacht haben, ist ein Musterbeispiel dafür, wie man junge Talente richtig fördert.
Das gehört eigentlich in die Lehrpläne von Managementschulen. Es sollte als Fallstudie dienen und als Leitfaden für alle, die selbst einmal Führungsverantwortung übernehmen wollen.
Auch in schlechten Zeiten: Das Team steht hinter Antonelli
Es gibt keinen Grund, die gesamte Geschichte noch einmal aufzurollen. Doch es gab genügend Situationen, in denen Wolff hätte zögern oder sich von Zweifeln hätte leiten lassen können: Antonellis schwierige Formel-2-Saison, sein Unfall in Monza, die katastrophale Phase in der Mitte des vergangenen Jahres und der anschließende Sturm in den Medien. Das sind nur die Momente, die wir mitbekommen haben. Es dürfte noch weitere gegeben haben, von denen wir nichts wissen.
Kimi Antonelli crasht im Training zum Formel-1-Rennen in Monza 2024
Foto: Motorsport Images
Doch Wolff und sein Team haben all diese Situationen gemeistert und dabei stets an einem Grundsatz festgehalten: Sie standen hinter Antonelli, unterstützten ihn und glaubten weiterhin an ihn. Denn sie wussten, welches Potenzial in ihm steckte. Sie haben sich bewusst für ihn entschieden. Und Antonelli hat dieses Vertrauen mehr als zurückgezahlt. Es besteht kein Zweifel, dass er noch weitere Erfolge feiern wird.
Als wenige Minuten nach Rennende Bradley Lord, Toto Wolffs Stellvertreter, für ein Interview mit F1 TV vor die Kamera trat, sprach er genau darüber.
Mercedes schleift einen Rohdiamanten
“An dem Tag, an dem Lewis uns mitteilte, dass er das Team verlassen würde, kam Toto in mein Büro. Wir riefen Kimi an und fragten ihn, ob er in die Fabrik kommen könne”, erinnerte er sich. “Kimi war gerade in Silverstone, wo er Testfahrten absolvierte. Wir saßen gemeinsam in Totos Büro, und Toto sagte zu ihm: ‘Du könntest es sein.’ Er erklärte ihm, dass Lewis gehen würde. ‘Du könntest derjenige sein, Kimi.'”
“Toto hat von der ersten Sekunde an daran geglaubt. Schon in dem Moment, als sich erstmals die Gelegenheit bot, Kimi in ein Auto zu setzen, war er überzeugt, dass wir es schaffen und dass es ein Erfolg werden würde.”
“Diese Überzeugung hat uns durch die schwierigen Phasen getragen. In erster Linie ist das natürlich Kimis Erfolg. Aber wie gesagt: Der Verdienst reicht auch bis ganz nach oben. Er liegt bei Totos Entschlossenheit und seinem festen Glauben daran, dass wir einen Rohdiamanten entdeckt hatten, den wir nur noch ein wenig schleifen mussten. Aber es war ein Diamant. Und heute hat sich gezeigt, dass wir damit richtig lagen.”
Welchen Anteil “Bono” an Antonellis Entwicklung hat
Antonelli wurde mit den richtigen Leuten umgeben. Allen voran natürlich mit Peter Bonnington. Wir werden wahrscheinlich nie erfahren, wie groß die Versuchung für Bono tatsächlich war, Hamilton zu folgen, mit dem er gemeinsam so viel erreicht hatte, und den Traum in Rot weiterzuverfolgen. Hat er jemals ernsthaft über einen Abschied nachgedacht? Vielleicht auch nicht.
Toto Wolff und das Team vertrauten Kimi Antonelli von Anfang an
Foto: Sutton Images
Doch Wolffs Entscheidung, ausgerechnet ihm und dem gesamten Team rund um Antonelli die Aufgabe anzuvertrauen, den jungen Fahrer weiterzuentwickeln, war ein weiterer kluger Schachzug. Denn sie haben Antonelli nicht nur dabei geholfen, sich fahrerisch zu verbessern. Sie haben es auch geschafft, ihm die Freude am Rennsport zu bewahren und dafür zu sorgen, dass er unter dem Druck nicht zusammenbricht.
“Ich meine, Kimi arbeitet mit dem erfolgreichsten Renningenieur, den dieser Sport je gesehen hat”, sagte Lord. “Bono ist eine unglaublich ruhige Persönlichkeit, die ihm Orientierung gibt.”
Entschlossen, aber nicht verkrampft
“Er selbst wäre allerdings der Erste, der betonen würde, dass er nur die Spitze eines Eisbergs ist. Rund um Kimi arbeitet eine ganze Gruppe von Menschen: Stephane, Marcelo als Performance-Ingenieur, der Control-Ingenieur, Georgios auf der Antriebsseite, Danny, der sich um seine gesamte Terminplanung kümmert, Sofia für die Reisen, Rosa für die PR und Sergi als sein Coach. Wir haben ein ganzes Team und ein Umfeld geschaffen, das genau auf ihn zugeschnitten ist.”
“Das Ergebnis ist ein junger Mann, der sein Leben in vollen Zügen genießt. Natürlich muss er mit dem Druck der Formel 1 umgehen. Aber er lässt sich davon nicht überwältigen und kann weiterhin Spaß haben.”
“Ich fand es großartig, was nach Baku passiert ist. Damals wurde viel darüber spekuliert, ob er nun an einen Punkt kommen würde, an dem er dem Druck nicht mehr standhalten kann. Doch stattdessen flog er nach Malaysia und ging dort mit Sergi in einen Wasserpark. Das sagt eigentlich alles über Kimi aus. Er ist 20 Jahre alt und genießt sein Leben in vollen Zügen. Genau das wollten wir für ihn. Er soll einfach die Reise genießen, das Abenteuer auskosten und sein Talent frei entfalten können.”
Mercedes schirmt Antonelli vor zu vielen Terminen ab
Auch Bradley Lord selbst spielte gemeinsam mit Rosa Herrero Venegas, Adam McDaid und vielen weiteren Mitgliedern des Mercedes-Kommunikationsteams eine wichtige Rolle. Sie schirmten Antonelli vor übermäßiger medialer Aufmerksamkeit ab und halfen ihm, einen gesunden Umgang mit dem Druck von außen zu finden.
Wir Journalisten auf der anderen Seite waren dagegen nicht selten frustriert, weil unsere Anfragen abgelehnt wurden. Das galt insbesondere für die Anfangszeit. Doch das Mercedes-Team wusste ganz genau, was es tat. Denn Wolff glaubte nicht nur selbst an Antonellis Talent. Er sorgte auch dafür, dass das gesamte Team hinter dem jungen Italiener stand.
“Ja, das beginnt ganz oben, bei Toto”, erklärte Lord. “Es beginnt bei Ola [Källenius, CEO von Mercedes-Benz] und dem gesamten Vorstand in Stuttgart. Von dort zieht es sich über James [Allison] und sein Technikteam bis hin zu Show [Andrew Shovlin] und Ron [Meadows], den Leuten an der Boxenmauer, [Darren] Howell in Brixworth und all den großartigen Ingenieuren bei HPP.”
Mercedes: Nach einer Zeit des Wandels zurück in der Erfolgsspur
“Seit unserem letzten WM-Titel hat sich die Zusammensetzung des Teams grundlegend verändert. Mehr als die Hälfte unserer Mitarbeiter ist erst seit 2021 zu uns gestoßen.”
“Hinter uns liegt also eine enorme Phase des Wandels. Es kamen neue Leute, frische Ideen und neue Talente hinzu. Es ist etwas ganz Besonderes, nach einer schwierigen Phase wieder an die Spitze zurückzukehren. Doch all das beginnt ganz oben: bei Toto, seiner außergewöhnlichen Führungsstärke und seinem unbedingten Willen zum Erfolg.”
“Er treibt uns immer weiter an und fordert von jedem Einzelnen unglaublich viel. Aber genau das ist das Ergebnis. Und dafür lohnt sich der ganze Aufwand.”
Mercedes musste also nicht nur Antonellis Talent erkennen, fördern, weiterentwickeln und zur Entfaltung bringen, bis es ihm zum ersten Fahrertitel seit 2020 verhalf. Das Team musste sich nach einer schwierigen Phase unter dem vorherigen Reglement auch selbst neu erfinden. Wie viele richtige Entscheidungen auf diesem Weg getroffen wurden, wissen letztlich nur die Menschen innerhalb des Teams.
Dazu gehörte zweifellos auch, die Fähigkeiten Hunderter weiterer Mitarbeiter zu fördern und das Beste aus ihnen herauszuholen. Antonellis Geschichte ist dabei lediglich das sichtbarste Beispiel.
Gleichzeitig ist sie ein Spiegelbild der Teamkultur, die Wolff und seine Mannschaft auf dem Weg zurück an die Spitze geschaffen haben. Was jetzt passiert ist, liefert den eindrucksvollsten Beweis dafür, wie man seinen eigenen Erfolg gestalten kann: indem man den Menschen vertraut, an die man glaubt, und ihnen alles gibt, was sie brauchen, um erfolgreich zu sein.
Viel mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Außer: Herzlichen Glückwunsch. Und Hut ab!
Euer
Oleg Karpov
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