Liebe MotoGP-Fans,
es war natürlich sehr schade, dass der letzte Renntag auf Phillip Island dem Wetter zum Opfer gefallen ist. Das war ein bitterer Abschied von einer der schönsten und spektakulärsten Rennstrecken der Welt.
Man kann die Frage stellen, warum man nicht, so wie 2023, das MotoGP-Rennen auf den Samstag vorgezogen und den Sprint auf den Sonntag gelegt hat. Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer.
Die Rennleitung hat erklärt, dass man die Wettersituation genau beobachtet hat. Für Sonntag waren zwar Regen und Wind prognostiziert, aber dass es dann so schlecht sein würde, war schlicht nicht vorhergesagt.
Und wenn der Rettungshubschrauber nicht fliegen kann, dann kann selbstverständlich nicht gefahren werden. Ich glaube, von diesem Wochenende wird uns ohnehin vor allem der Sprint in Erinnerung bleiben.
Das Duell zwischen Marc Marquez und Jorge Martin war gigantisch. Sie haben es richtig krachen lassen. Wie Marquez nachher gesagt hat, ging es bei diesem Duell um mehr als die drei Punkte Unterschied zwischen Platz eins und Platz zwei.
Im Sprint spielen Spritverbrauch und Reifenmanagement praktisch keine Rolle. Die Fahrer können und müssen ans Limit gehen. 13 Runden im Sprint sind viel intensiver als 13 Runden in einem Grand Prix.
Dass Marquez nach dem Sprint zunächst gar nicht wusste, ob er in Indonesien oder in Australien ist, zeigt die Intensität eindrucksvoll. Und dieses Duell zwischen Marquez und Martin war ein Gigantenduell.
Martin hat letztendlich den entscheidenden Fehler gemacht, aber auch Marquez sagte, dass er einmal fast gestürzt wäre. Martins Sturz samt Speichenfraktur am rechten Unterarm könnte auch schon die Weltmeisterschaft entschieden haben.
Marquez hat jetzt alle Karten in der Hand
Es ist erst zu Ende, wenn es wirklich zu Ende ist, das ist klar. Aber Marquez scheint jetzt alle Karten in der Hand zu haben, während es für Aprilia einen Kraftakt und fast schon ein Wunder braucht, um den ersten WM-Titel zu gewinnen.
Zehn Punkte Vorsprung für Marquez sind natürlich nicht viel. Hätte das Rennen am Sonntag stattgefunden, hätte er theoretisch den Vorsprung auf 35 Punkte vergrößern können. Das wäre dann wirklich eine Vorentscheidung gewesen.
Marc Marquez machte einen großen Schritt Richtung Weltmeistertitel
Foto: Qian Jun/MB Media/Getty Images
Aber wenn der Rettungshubschrauber nicht fliegen kann, brauchen wir über dieses hypothetische Szenario nicht zu diskutieren. Natürlich könnte man sagen, für Martin war die Rennabsage Glück im Unglück.
Die nächsten Tage werden zeigen, wie sich die Situation bei Martin entwickelt und ob er tatsächlich versuchen wird, am kommenden Wochenende in Sepang zu fahren. Ich glaube, er wird nichts unversucht lassen.
Rivola: “Manchmal läuft es einfach beschissen”
Am späten Sonntagnachmittag hat Aprilia-Chef Massimo Rivola es als “sehr, sehr schwierig” bezeichnet, dass Martin in Sepang wird fahren können: “Ich hoffe, Jorge in Sepang zu sehen, zumindest bei uns im Team, und dann werden wir sehen.”
“Ich denke, die gemeinsame Geschichte von Aprilia und Jorge stand bisher unter keinem guten Stern. Das Glück im Unglück ist dieses Mal, dass der Knochen nur gebrochen ist. Es ist nichts Dramatisches.”
“Aber wie man so schön sagt: Manchmal läuft es einfach beschissen. Gemeinsam hatten wir bisher wirklich kein Glück, aber wir geben ganz sicher nicht auf, solange es rechnerisch noch nicht vorbei ist”, so Rivola.
Jorge Martin stürzte beim packenden Duell mit Marc Marquez
Foto: Gold & Goose Photography/Getty Images
Zuletzt Mandalika und jetzt Phillip Island waren zwei Strecken, auf denen die Aprilia im Trockenen schneller war als die Ducati. Aber statt das zu nutzen, hat man im Endeffekt WM-Punkte auf Marquez verloren.
Natürlich war es Pech, dass sich Martin bei dem Sturz verletzt hat. Schließlich sind wir jetzt aber an einem Punkt angekommen, an dem Aprilia wirklich der erste WM-Titel aus den Händen zu gleiten droht.
Dass Bezzecchi seine 50 Punkte Rückstand auf Marquez an vier Rennwochenenden noch aufholen kann, wage ich zu bezweifeln. Marquez ist zu schlau, zu abgebrüht und wird sich seine Energie einteilen, um die notwendigen Ergebnisse zu holen.
Seit dem Sieg in Mugello bricht Aprilias Saison auseinander
Als sich im Frühling herausgestellt hat, dass die Aprilia RS-GP auf praktisch allen Strecken und bei fast allen Bedingungen stärker ist als die Ducati Desmosedici, stellte sich das Gefühl ein, dass sie diesen WM-Titel nur noch verlieren können.
Speziell nach dem furiosen Doppelsieg beim Heimrennen in Mugello war die Wachablösung an der Spitze des Feldes klar. Aber seither konnte Martin keinen Grand Prix gewinnen und Bezzecchi nur einen.
In Misano warf Marco Bezzecchi seine Siegchance in der ersten Runde weg
Foto: Gold and Goose Photography / Getty Images
Dass sich Bezzecchi beim Sturz am Sachsenring verletzt hat, war Pech. Die Ohrfeige für den Sportwart in Brünn war Dummheit. In Misano hat er es dann in der ersten Runde weggeworfen.
So kann man nicht Weltmeister werden, vor allem nicht gegen jemanden wie Marquez. Bei all den Vorfällen seit Mugello wird Rivola bestimmt viele Nächte schlecht geschlafen haben.
Aber nach diesem Australien-Wochenende muss ihm klar geworden sein, dass man selbst mit dem besten Motorrad, mit dem alle vier Fahrer Rennen gewinnen können, nicht gegen Marquez Weltmeister werden kann.
Ganz vergleichbar ist es natürlich nicht, aber ein wenig erinnert mich die Situation an 2017, 2018 und 2019. Damals war die Ducati vielleicht schon das bessere Motorrad als die Honda.
Aber Gigi Dall’Igna musste erkennen, dass er nicht gegen Marquez gewinnen kann. In dieser Situation befindet sich nun Rivola. Ob Aprilia im nächsten Jahr mit der Fahrerpaarung Bezzecchi/Bagnaia gegen Marquez/Acosta bestehen kann?
Euer
Gerald Dirnbeck
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