Das familiäre Umfeld prägt weiterhin stark die Bildungschancen von Kindern in Deutschland. Das zeigt der Chancenmonitor des ifo Instituts und des Vereins Ein Herz für Kinder. Laut der Studie variiert die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind ein Gymnasium besucht, deutlich – je nach Bildungsstand, Herkunft und Einkommen der Eltern.
Die Chance, ein Gymnasium zu besuchen, beträgt demnach etwa 17 Prozent, wenn ein Kind bei Eltern ohne Abitur im untersten Einkommensviertel und ohne Migrationshintergrund aufwächst. Dagegen liegt sie bei ungefähr 80 Prozent, wenn das Kind mit Eltern mit Abitur aus dem obersten Einkommensviertel und mit Migrationshintergrund groß wird.
Der Chancenmonitor untersucht den Effekt von Bildung und Einkommen der Eltern sowie von Migrationshintergrund und alleinerziehenden Eltern. Der Effekt von Bildung und Einkommen der Eltern auf die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs ihrer Kinder fällt besonders stark ins Gewicht.
In Familien, in denen kein Elternteil Abitur gemacht hat, liegt die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs lediglich zwischen 17 und 33 Prozent – unabhängig davon, wie hoch das Haushaltseinkommen ist.
Ein einziger Elternteil mit Abitur verändert das Bild grundlegend. Selbst bei mittleren Einkommen steigen die Chancen auf bis zu 64 Prozent. Sind beide Elternteile Abiturienten, erreichen die Werte in manchen Konstellationen sogar über 80 Prozent.
Auch wenn nur Kinder aus Familien ohne Abitur betrachtet werden, zeigt sich ein klarer Einkommenseffekt: In Familien mit einem Nettoeinkommen unter 2.750 Euro liegt die Chance bei gerade einmal 17 Prozent.
Bei einem Einkommen zwischen 2.750 und 4.000 Euro steigt sie bereits auf 24 Prozent – und wer mehr als 4.000 Euro im Monat verdient, erreicht immerhin rund 33 Prozent.
Das entspricht nahezu einer Verdopplung der Gymnasialchancen allein durch ein höheres Einkommen, ohne dass sich der Bildungsstand der Eltern verändert.
Jungen schaffen es seltener aufs Gymnasium
Die zweite zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass Jungen mit 36,9 Prozent seltener ein Gymnasium besuchen als Mädchen mit 43,5 Prozent. Das ist ein Unterschied von 6,6 Prozentpunkten. Zwischen 16 und 18 Jahren sind es sogar knapp zehn Prozent Unterschied.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Mädchen – über alle untersuchten Aspekte des familiären Hintergrunds hinweg – deutlich häufiger ein Gymnasium besuchen als Jungen. Der Gender-Gap, also der geschlechterspezifische Unterschied, ist mit oder ohne Migrationshintergrund sehr ähnlich ausgeprägt. Ebenso ist es bei alleinerziehenden oder gemeinsam erziehenden Eltern.
Was helfen könnte
Die Autoren der Studie schlagen – gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse (PDF) – mehrere Maßnahmen vor, um Bildungsungleichheiten zu reduzieren: frühkindliche Bildungsangebote ausbauen, benachteiligte Familien stärker in der Erziehung unterstützen, besonders gute Lehrkräfte gezielt an Schulen mit vielen benachteiligten Kindern einsetzen, kostenlose Nachhilfe früh anbieten, die Aufteilung auf weiterführende Schulformen später vornehmen und Mentoringprogramme für benachteiligte Kinder fördern.
Auch Bundesbildungsministerin Karin Prien sieht Handlungsbedarf. Auf Nachfrage der ZEIT sagt Prien, man müsse die Ungleichheit nicht nur benennen, sondern ihr aktiv entgegenwirken.
Wenn Bildungschancen so stark von der sozialen Herkunft abhängen, reicht es nicht aus, diese Ungleichheit nur zu benennen – wir müssen ihr aktiv entgegenwirken.
Mit dem Startchancen-Programm, das noch von der Vorgängerregierung aus SPD, Grünen und FDP eingeführt wurde, investieren Bund und Länder rund 20 Milliarden Euro in Schulen mit besonderen Herausforderungen. Bundesbildungsministerin Prien sagt, es sei entscheidend, die Maßnahmen des Startchancen-Programms »konsequent zu verzahnen«, um Bildungschancen nachhaltig vom Elternhaus zu entkoppeln.
Auch um den Gender-Gap zu verkleinern und die Bildungschancen von Jungen gezielt zu fördern, macht die Studie des ifo Zentrums für Bildungsökonomik einige Vorschläge. Mehr männliche Fachkräfte in Kitas und Grundschulen, eine frühe Reflexion über Geschlechterstereotype oder die frühe Leseförderung könnten dabei helfen, die Bildungschancen der Jungen denen der Mädchen anzugleichen.
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